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Michael Irrgang berichtet über seine Erlebnisse beim 48 h-Lauf in Köln:
Als die ersten Infos über den neuen 48-Stundenlauf auftauchten, war ich hin- und hergerissen: Soll ich oder soll ich nicht? Es sprach so vieles dagegen und nur zwei Argumente dafür: Erstens wird es Zeit, einmal wieder etwas Neues auszuprobieren und zweitens kann man bei den Organisatoren und Helfern sicher sein, dass es eine schöne Veranstaltung wird. Ich konnte mich nicht entscheiden, aber dann ging alles ganz schnell: Die Startplätze waren alle vergeben - schnell nachgefragt - Glück gehabt, Startplatz bekommen.
Die Vorbereitung gestaltete sich dann schwierig. Wie traininert man für so einen Wettkampf? Bezüglich der Renneinteilung, insbesondere dem Lauftempo sowie dem Einstreuen von Geh-, Sitz- und Schlafpausen hatte ich kaum eigene Ideen und die Erfahrungen von anderen Läufern schienen mir nur begrenzt auf mich übertragbar zu sein. Ich plante, dass ich zunächst etwa 15 sek je km langsamer als beim 24er loslaufen möchte und alle 2 Stunden gehend eine Runde verbringe, in der ich einen Brei (Joghurt, Haferflocken und Eiweißpulver) essen wollte. Damit müsste ich so 30 Stunden über die Runden kommen. Vor der zweiten Nacht hatte ich Angst, war mir aber fast sicher, dass ich, falls die Sonne aufgehen und wärmen würde, die letzten Stunden wieder ordentlich laufen könnte. Ich wollte mich nicht unter Druck setzen lassen, hatte mir keine bestimmte Kilometerleistung vorgenommen und plante, 40 Stunden Spaß und 8 Stunden Kampf zu haben. Ich wollte mich anstrengen, aber sicher nicht umbringen.

Und dann war es soweit. Freitag 12 Uhr: Start in ein neues Abenteuer. Und es kam alles ganz anders. In den ersten 6 Stunden lief ich noch recht locker die geplanten 60 Kilometer auf der staubigen Bahn. Es war warm, nichts tat weh, Körper und Geist strotzten vor Energie und Motivation. Ich bin eine Zeitlang mit Reima aus Schweden gelaufen, der ebenfalls bei der 24-Stundenlauf-WM in Brive war. Wolfgang Schwerk lief zwar exakt mein Tempo, allerdings meist eine halbe Runde versetzt. Nach 6 Stunden kam meine erste obligatorische mentale Krise: die Beine wurden schwer, es war noch nichts erreicht, 18 Stunden noch. 18 Stunden? Von wegen! Noch 42 Stunden sollte der Wettkampf dauern! Ich fing an zu zweifeln und stelle mir zum ersten Mal die Warum-Frage. Meinen Brei mampfend dachte ich ergebnislos darüber nach. Bei Wolfgang Schwerk meldete sich der Ischias, er wird keine Chance haben, das Rennen mit einer ihm angemessenen Leistung zu beenden. Der Schwede schwächelte, hatte erst Magen- und dann zahlreiche andere Probleme. Mir fiel es zunehmend schwerer, mein Tempo zu halten, vielleicht auch, weil ich selten gleichmäßig laufen konnte; die Bahn war recht voll und die meisten laufen/gehen doch deutlich langsamer. Auch meine Motivation sank. Um Mitternacht hatte ich die ersten 110 km geschafft. In den nächsten 12 Stunden wollte ich "mindestens" 90 km laufen, aber ich merkte wieder einmal, dass ich die Nacht hasse. Die Strecke war für mich unzureichend ausgeleuchtet und die Temperatur zu kalt: Ich fühlte mich ausgesprochen unwohl in meiner Haut.

Zum ersten Mal nahm ich Schlotti (Hans-Jürgen Schlotter) bewusst wahr und bewunderte ihn sogleich: Mit stoischer Gelassenheit spulte er die Runden herunter, völlig unbeeindruckt vom sonstigen Geschehen der Welt: Ohne größere Pausen, ohne Schlaf, ohne Gehrunden und ohne Gejammer! Ich zog mich ab und zu um, war regelmäßiger Gast des stillen Örtchens und quatschte immer länger an der Verpflegungsstelle, brauchte auch schon immer öfter Sitzpausen, um meine nicht-mehr-wollenden Beine zu entspannen. Irgendwann war Gott sei Dank die Nacht vorbei und es gab Frühstück! In aller Ruhe setzte ich mich hin und verdrückte zwei Stücke Kuchen. Ich hatte es nicht eilig. Die anderen verstanden das nicht so ganz: "Du musst auf der Strecke essen - beim Gehen und Kilometer machen" erklärt man mir. Da war sie wieder: die W-Frage! MUSS man das wirklich? Natürlich war ich deutlich in Führung liegend auf Kurs XXL, aber ich wusste in dem Moment ganz genau, dass diese Disziplin nicht meine Lieblingsdisziplin ist und ich im heutigen Wettkampf Phasen der Ruhe brauchte. Es waren noch weit über 30 Stunden und Kopf und Beine waren schon irgendwie leer. Nach der Pause ging es mir besser und ich fing wieder an zu laufen. Komischerweise brauchte ich etwa 2 bis 5 Runden zum Warmwerden und Rhythmus-Finden, aber dann erreichte ich doch ein angenehmes Lauf-Tempo etwa im Bereich von 6 min/km. Freude kam auf und ich pflügte mich durch das Feld. Mittags hatte ich dann mit 203 km einen ordentlichen Split und noch fast 6 km Vorsprung vor Schlotti, aber mir war zu dem Zeitpunkt schon lange klar, dass ich Zweiter werden würde. Er ist vom Typ grundlegend anders, hat aber die besseren Trümpfe in der Hand. Ich kann zwar schneller laufen, brauche aber meine Geh- und Sitzpausen sowie "Streicheleinheiten"; lasse mich außerdem viel zu leicht von allem und jedem ablenken. Er hat sich bei 6- und 10-Tageläufen abgehärtet und seine Erfahrungen gesammelt, lief nun mit einer beeindruckenden Konstanz sein Tempo und verringerte den Abstand zu mir stündlich. Dennoch versprach "dieses ungleiche Duell" spannend zu werden. Said Kahla war schon ein wenig abgeschlagen auf dem dritten Platz, witterte aber durchaus noch seine Chancen.
In der Mittagszeit kamen mich meine Eltern besuchen, worüber ich mich sehr freute. Die Anreise war zum ersten Mal nicht weit und so bot sich die Chance, einen Wettkampf, den sie weder mögen noch verstehen, ein wenig zu beobachten. Vielleicht steigert sich das Verständnis für das merkwürdige Hobby ihres Sohnes jetzt ein wenig, denn sie waren stark beeindruckt, auch wenn die Zweifel, ob das wirklich gesund ist, sicherlich geblieben sind.
Irgendwann am frühen Nachmittag verkündete ich, dass ich eine halbe Stunde Schlaf brauche! Jetzt musste ich die Warum-Frage beantworten, denn für den Betrachter sah mein Lauf immer noch schnell und rund aus. Mein Gefühl sagte mir aber, dass ich nur noch kontrolliert stolperte. Als ich anschließend wieder auf die Bahn kam, hatte ich tatsächlich vier Kilometer Rückstand! Aber ich hatte wieder Lust zu laufen, der Kopf und die Beine waren getankt. Ich überrundete Schlotti nun etwa im 10 Minutentakt und hatte sogar nach etwa zwei Stunden kurzfristig die Führung wieder übernommen. Jetzt wollte ich erst einmal ein wenig rausnehmen und legte eine Gehrunde ein. Dabei fiel mir auf, dass ich die letzten Stunden kaum etwas gegessen und getrunken hatte und mein Kopf glühte. Ich aß, trank, kühlte mich, machte eine kurze Pause, ging zwei Runden, aber konnte plötzlich nicht mehr laufen - Kreislaufprobleme. Ich beschloss, eine weitere Pause einzulegen und ärgerte mich über die unnötige Verfolgungsjagd. Nach 15 Minuten fieberte ich immer noch und Carsten Bölke empfahl, so lange auf der Liege zu bleiben, bis die Körpertemperatur wieder in Ordnung war. Das dauerte. Ich rief erst mal meine Frau an, die auch dankenswerterweise schnellstmöglich aus Troisdorf angedüst kam. Die Pause wurde ungefähr zwei Stunden lang. Dann wechselte ich auf warme Nacht-Klamotten und stieg wieder vorsichtig ins Renngeschehen ein. Komischerweise lief es nach einiger Zeit wieder ganz gut, als ob nichts gewesen wäre. Leider war der Kampfesgeist allerdings vollends erloschen. Ich schaffte es kaum, einmal länger als 30 Minuten am Stück zu laufen. Mich zogen alle Sitzgelegenheiten magisch an. Obwohl die Nacht angeblich sehr kalt gewesen war, hatte ich diesmal, dick eingepackt, überhaupt keine weiteren Probleme - weder mit der Kälte noch mit der Strecke. Es waren teilweise außer mir und Schlotti nur noch 3 bis 5 andere Läufer unterwegs. Eine nette Begebenheit in der Nacht war der Besuch eines angetrunkenen Nachtschwärmers, der bereits nachmittags an der Strecke stand. Erst haben wir uns unterhalten, dann sind wir gemeinsam ein paar Runden gelaufen, und zwar in Form eines kleinen Steigerungslaufes, bis ich ihn mit hochrotem Kopf, nach Sauerstoff hechelnd an der Verpflegungsstelle zurücklassen musste. Da hatte er sich den falschen Laufpartner ausgesucht! Immerhin änderte sich seine Einstellung von "die sind bekloppt" zur Bewunderung.
Irgendwann war dann auch die zweite Nacht zu Ende, die Sonne kam und der letzte Richtungswechsel stand an. Nur noch 6 Stunden und gleich sollte es wieder Frühstück geben! Ich schaffte es wieder häufiger, längere Strecken laufend zurückzulegen, vor lauter Übermut aus Versehen sogar manchmal zu schnell. Das so etwas überhaupt zu dieser Phase möglich war, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte unter jedem Fuß eine kleine Blase, die sich welchselseitig ab und zu meldeten, ansonsten im Schritt ein paar empfindliche Stellen, die mal mehr oder weniger störten, aber muskulär ging es mir eigentlich bis zum Schluss ganz gut, so dass ich in der 48. Stunde noch mein Rundenmaximum (36 Runden entsprechen ca. 11,1 km) laufen konnte! War ich froh, als der Wettkampf zu Ende war! Das Erste, was mir durch den Kopf ging, war, dass ich so einen Mist nie wieder mache und dann war da nur noch die Müdigkeit und das Gefühl der Erlösung. Und des Dankes an alle Mitläufer und Helfer, die mir über meine gefühlten 200 Krisen hinweghalfen.

"Jammer net! Lauf" meinte Wolfgang öfter zu mir, aber auch Stefan, die anderen Helfer und Mitläufer bemühten sich redlich, mich zunächst nett, später zunehmend einsilbiger wieder auf die Strecke zu bringen. Banken wurden zur Coachingzone und damit zum Tabu für die Läufer erklärt, Stühle verschwanden plötzlich, selbst in meinem Versorgungspavillon wurde Stunden vor Rennende mein geliebter Klappstuhl als erstes eingepackt. Im Nachhinein kann ich darüber gut lachen, im Rennen fand ich das sehr gemein. "Wer solche Trainingspläne schreibt, braucht sich über so ein Verhalten nicht zu wundern", erklärte Wolfgang mir dann später die Situation. Den Zusammenhang hatte ich völlig übersehen: Rachegelüste im Ultralager! ;-)
Mein persönliches Fazit ist, dass ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Ich wollte meine eigenen Erfahrungen machen und habe nun eine Idee, wie ich mir das Rennen einteilen muss, um wirklich eine gute Kilometer-Leistung zu erzielen. Ob ich es allerdings in absehbarer Zeit erneut versuchen werde, kann ich mir im Moment noch nicht vorstellen. Insgesamt ist das sicher nicht meine Disziplin. Unterwegs zu sein ohne die Chance zu haben, irgendwo anzukommen ist schon eine besondere, mentale Herausforderung und dann noch ohne Kraft in den Beinen und mit einer Leere im Kopf stundenlang laufen, ganz langsam immer weiter und immer weiter - nein, das ist nicht mein Ding. In Köln habe ich zahlreiche Läufer näher kennengelernt mit unglaublich großem Kämpferherz und einer mentalen Stärke, die ich allesamt nur bewundern und beneiden kann.
Zur Veranstaltung selbst gibt es eigentlich nicht viel zu sagen: Perfekt! Organisation, Helfer, Verpflegung (ich habe vermutlich zugenommen), Infrastruktur, Musik, Stimmung! Alles Klasse und dennoch werde ich nicht versprechen wiederzukommen.
Michael Irrgang "2 Tage danach" am 27.07.2010
Fotos alle © Gabi Gründling www.laufticker.de
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