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FG unterwegs: ULTRA TOUR DU BEAUFORTAIN Drucken E-Mail
Geschrieben von: Gabi Gründling   
Montag, den 19. Juli 2010 um 18:16 Uhr

Julia und Chris Fatton waren mal wieder im Bereich des Mont Blanc-Massivs unterwegs. Jule berichet:

ULTRA TRAIL BEAUFORTAIN, 103 km, 5850 HM, 17.07.2010

Seltsam im Nebel zu wandern……

Seltsam im Nebel zu wandern,
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
…..
(Hermann Hesse, 1905)

Als ich nach der letzten Verpflegungsstation bei km 85 in den Nebel tauche habe ich das Aha-Erlebnis:, Hermann Hesse war ein alter Trailer, warum komme ich erst jetzt darauf? Er beschreibt genau mein Erlebnis: verzweifelt und allein im Nebel auf der Suche nach Markierungen, das kann kein Zufall sein. Aber weshalb nur hatte er seine Leidenschaft verheimlicht? Vielleicht hatte er Angst als Spinner betrachtet zu werden, damals als Traillaufen noch nicht so populär war und die Leute noch andere Sorgen hatten.
Ich habe auf jeden Fall jetzt noch mehr Respekt vor dem Dichter und Trail-Pionier, der Camelbak und Gore-Tex vielleicht nur müde belächelt hätte.

Aber eins nach dem anderen:

Wir reisen freitags abends in Queige an, ein kleines Dorf unweit von Albertville, der Stadt in den frz. Alpen die anno 1992 die olympischen Winterspiele ausgerichtet hat. Doch jetzt ist Sommer, das ist deutlich zu spüren, vor allem nachts im unserem kleinen Zeltchen das wir gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit auf der grünen Wiese aufstellen können. Somit befinden wir uns direkt am Start der unchristlicherweise um 04:00 Uhr sein wird.

Nach einem kleinen, von der Organisation bereitgestellten Frühstück und Rucksackkontrolle werden wir zunächst regelrecht eingegattert und dann fast pünktlich in die Wildnis losgelassen. Die steilsten Passagen sind gleich am Anfang. Bereits nach einem Drittel der Strecke werden wir ca. die Hälfte der Höhenmeter bewältigt haben. Verpflegungsstellen gibt es alle 17 km mit Ausnahme einer zusätzlichen bei km 42. Nicht so üppig, denn auf den ersten 17 km sind schon gut 2000 HM zu bewältigen – ich starte deshalb vorsichtshalber mit 2 Litern Getränk.

Die Landschaft ist kitschig schön, wir laufen über Almwiesen, übersät mit Blumen in unglaublicher Farbenvielfalt und der Geruch erst: intensiv nach Kräutern, Blumen, fast wie Ricola….. Serpentinenartiger Abstieg im Wald, ich muss aufs Klo, schlage mich ins Gebüsch - wunderbares Plätzchen von dem aus ich sogar noch die Strecke beobachten kann. Hab ich‘s mir gedacht! Sofort wird meine technische Auszeit schamlos von einem Konkurrenten ausgenutzt, überholt mich ohne mit der Wimper zu zucken – fies sowas.
Egal, diese Pause hat sich wenigstens rentiert und sowieso, wat mutt, dat mutt.


Ich werde jetzt andauernd überholt aber beschließe mir deshalb noch keine Sorgen zu machen in diesem frühen Stadium des Rennens..
Bald wird die Landschaft geprägt von Felsen und Steinen, wir laufen durch regelrechte Steinwüsten, klack-klack, hat man einen Konkurrenten mit Stöcken überholt so hört man noch lange deren Geräusch auf dem Stein und glaubt der Kandidat ist noch direkt hinter einem. Einen Pass erklimmen wir fast auf allen Vieren, oben sind 2 Meter flach und dann kommt quasi der freie Fall, fast senkrecht in die Tiefe, zunächst ein Stück abgesichert an Seilen, dann auf schwarzem Schiefer – hier bewährt sich die Rutschtechnik am besten..

Es gibt viele Kontrollen, die Helfer sind supernett, eifrig, feuern jeden persönlich an und nennen manchmal sogar die Platzierung – ich bin am Aufholen – auf das Prinzip des Ultralaufs ist wieder einmal Verlass.

Auf und nieder immer wieder, so ist das Motto für den Anfang der zweiten Hälfte. Manchmal schnaufe ich wie eine gestopfte Gans, aber nein ich leide nicht, ich habe viel Spaß, auch wenn die Wiesen über die man läuft unzählig viele, heimtückische Löcher aufweisen, die man leider - da gut getarnt - meistens zu spät erkennt. Jeder Tritt ins Leere eine Folter für die Gelenke.

Nach der letzten Verpflegungsstation bei km 85 in Les Saisies wird es dann auf Grund des dichten Nebels etwas ungemütlich, vor allem weil ich Mühe habe die Markierungen zu finden. Wir müssen noch 350 HM hoch, auf einem Weg über Almwiesen, ich rechne ständig damit dass ich mich verlaufe, z.B. einen Richtungswechsel verpasse. Ein Auge richte ich auf den Boden um die neonroten Punkte nicht zu verpassen, mit dem anderen versuche ich in der Nebelsuppe die weißen Flatterbänder zu entdecken die meist an Büschen oder Gattern befestigt sind. Im Bereich meiner Sichtweite keiner vor mir, keiner hinter mir, ich muss mir den Weg durch eine Kuhherde bahnen……seltsam im Nebel zu wandern – Hermann, ich weiß genau wie du dich gefühlt haben musst!

Vom letzten Gipfel geht es relativ komfortabel 12 km nur noch bergab. Ich lasse es laufen, das schnellere Tempo ist jetzt nicht so optimal für meine Knie, diese knarren und quietschen, könnten gut einen Tropfen Öl gebrauchen – wen wundert‘s ?

„Daheim“ in Queige laufen wir am Campingplatz vorbei, noch durch ein kleines Wäldchen und werden herzlich auf der Festwiese empfangen. Chris, mit dem ich auf der ersten Hälfte des Laufs ein Stück weit unterwegs war ist eine knappe ½ h vor mir ins Ziel gekommen, wir essen zusammen Suppe und quatschen. Als ob er Gedanken lesen könnte schlägt er mir vor die kommende Nacht ins Hotel zu gehen anstatt nochmal zu campen – zwei Dumme ein Gedanke – ich könnt ihn knutschen (tue es aber erst nach einer nicht unnötigen Körper- und Zahnpflege).

Siegerehrung, Blaskapelle und Abschlussessen finden am nächsten Vormittag statt – die Stimmung ist fröhlich und wir sind dankbar über das schattige Festzelt.

Satt, müde, kaputt und happy setzen wir uns um ca. 14 Uhr ins kochend heiße Auto und treten die Heimreise an und sind uns auch darüber einig: war doch jetzt wieder mal besser als ein Wochenende Extreme-Couching.

Julia Fatton, 19.07.2010

Bleibt hinzuzufügen: Chris wurde Gesamt-13. und gewann seine Altersklasse "Veteranen 2" - und Jule? Die gewann als Gesamt-19. die Frauenkonkurrenz mit 16:00:10 h. Die zweite Frau war mehr als 2,5 h hinter ihr.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 20. Juli 2010 um 10:14 Uhr
 
 
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