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24h Lauf World-/European-Challenge am 11./12.10.2003 in Uden/Niederlande
Von Volkmar Mühl
Erstmals veranstaltete die IAU im 24-Stunden-Lauf in diesem Jahr neben der traditionellen Europameisterschaft auch eine “World Challenge“, also eine halboffizielle Weltmeisterschaft, die ebenfalls unter der Schirmherrschaft des internationalen Leichtathletikverbands IAAF ausgetragen wurde. Insgesamt 19 Nationen entsandten 102 Männer und 44 Frauen zum Austragungsort nach Uden.
Aufgrund der guten bis sehr guten Vorleistungen der deutschen Athletinnen und Athleten im Vorfeld dieses Saisonhöhepunkts der 24-h-Läufer hatte der DLV als nominierender Verband keine Probleme, ein schlagkräftiges Team mit 6 Frauen und eben so vielen Männern aufzustellen. Entsprechend gut war die Stimmung in der deutschen Mannschaft und es bestand die optimistische Erwartung, ähnliche Resultate wie im Vorjahr, als Jens Lukas mit 267,294 km Europameister wurde und die Mannschaften Rang 2 (Männer) und Rang 4 (Frauen) belegten, zu erzielen.
Zu den 146 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des WC/EC kamen rund 50 Läuferinnen und Läufer, die an der niederländischen Meisterschaft sowie am offenen Lauf teilnahmen.
Das Rennen wurde pünktlich um 14.00 Uhr im reinen (!) Leichtathletikstadion von Uden gestartet. In den nun vor den Ultraläuferinnen und –läufern liegenden 24 Stunden galt es, so viele der völlig flachen 2.5 km-Runden in dem um das Stadion gelegenen Park zu absolvieren wie möglich. Die äußeren Bedingungen hierfür waren keinesfalls schlecht. Nach dem regnerischen Wetter der zurückliegenden Tage war es trocken, der Himmel bedeckt, die Temperaturen lagen bei ca. 15 ° C.
So war es nicht verwunderlich, dass an der Spitze von Beginn an ein hohes Tempo vorgelegt wurde. Der Brasilianer Nunes und die Belgier Taelmann und Beckers legten innerhalb der ersten 8 Stunden mehr als 100 km zurück, bei den Frauen waren es die Russinnen Kalimina und Reutovich, die dem Rennen zu diesem Zeitpunkt ihren Stempel aufdrückten.
Das deutsche Team hielt sich in dieser Phase an die selbstauferlegte Taktik, die Kräfte nicht bereits in der Anfangsphase zu vergeuden und die Nacht abzuwarten.
Thomas Blumtritt musste leider bereits nach Eintritt der Dunkelheit passen, er war, durch eine schlechte Tagesform bedingt, von Beginn an nicht richtig in den Wettkampf gekommen.
Für die anderen Teilnehmer des DLV-Teams hieß es fortan, möglichst ohne all zu großen Verlust an Kraft und Energie durch die – jahreszeitlich bedingt – 12 Stunden lange Nacht zu kommen. Durch eine sehr gute Ausleuchtung der Strecke und weiter anhaltende Trockenheit hatten die Läuferinnen und Läufer dabei im Wesentlichen mit der einsetzenden Abkühlung zu kämpfen. Den damit verbundenen Anpassungsproblemen wurde mit häufigem Kleidungswechsel begegnet, dennoch stellten sich bei einigen mehr oder minder ausgeprägte muskuläre Schwierigkeiten sowie Magenprobleme ein.
Für die erfahrenen 24-h-Läufer beginnt der Wettkampf eigentlich erst richtig nach 12 Stunden, ab diesem Zeitpunkt beginnt eine ökonomisch richtige Kräfteeinteilung zum erfolgsbestimmenden Faktor zu werden. Für diese Phase hatte sich Jens Lukas einiges vorgenommen. Nach einer auf den Saisonhöhepunkt ausgerichteten Vorbereitung hatte der Vorjahressieger einen minutiösen Plan ausgetüftelt, der ihn zu einer neuen persönlichen Bestleitung führen sollte. Lag er in den ersten Stunden noch im Bereich um Platz 15, so hatte er sich bei Halbzeit nach und nach bereits auf Platz 8 vorgearbeitet und die rund 138 absolvierten Kilometer ließen eine neue Bestleistung als möglich erscheinen. Karl Graf lag nur rund 4 km zurück und gab damit ebenfalls zu entsprechenden Hoffnungen Anlass.
Bei den DLV-Frauen hatte Mereth Rose zu diesem Zeitpunkt als Schnellste gut 107 km zurückgelegt, Cornelia Bullig, die diesjährige deutsche Vizemeisterin von Scharnebeck folgte ihr im Sekundenabstand.
Wolfgang Schwerk litt in dieser Phase bereits unter den Problemen, die zu seinem späteren Ausstieg aus dem Wettkampf führten sollten. Der Dritte des Trans-Europa-Laufs hatte letztlich einfach nicht mehr die Substanz, nach einer für ihn langen und kräftezehrenden Saison einen solchen Lauf auf hohem Niveau durchzustehen. Bei den Frauen war es Illona Schlegel, die jetzt schon hart kämpfen musste. Nach ihrer Leistung von Scharnebeck mit knapp unter 200 absolvierten Kilometern hatte sie sich als Ziel eine Leistung von über 200 Kilometern gesetzt gehabt; ernsthafte und längere Pausen bedingende muskuläre Probleme rückten die Verwirklichung dieses Ziels jedoch in weite Ferne. Die anderen deutschen Teilnehmer liefen zu diesem Zeitpunkt ein unauffälliges Rennen.
Gegen 4 Uhr morgens erlitten die Medaillenhoffnungen bei den Männern einen herben Dämpfer, als Jens Lukas erkennbar „schwächelte“ und sein Tempo deutlich zurücknehmen musste. Leider konnte er auch damit seinen Ausstieg im Morgengrauen letztlich nicht mehr verhindern. Die Ursachenanalyse blieb zunächst ergebnislos, wahrscheinlich machte ganz einfach die Tagesform die hoch gesetzten Erwartungen zunichte.
Zum Mittag hin begann die spannende Endphase des Wettkamps. Das verbliebene Männerteam mit Karl Graf, Sigurd Dutz und Gerald Dudacy bewies Kampfgeist und unternahm alle Anstrengungen, um 7. Platz in der WC- bzw. Platz 5 in der EC-Wertung gg. die starke niederländische Mannschaft zu verteidigen.
Die Frauenmannschaft wurde zu diesem Zeitpunkt von Heike Pawzik angeführt, Christine Sextl und Marianne Dahl folgten nicht weit dahinter. Mereth Rose und Cornelia Bullig hatten aufgrund individueller Probleme „abreißen“ lassen müssen, zeigten aber vorbildlichen Kampfeswillen und gaben, wie auch Illona Schlegel, nicht auf. Das deutsche Team wies zu den Ungarinnen, die zu diesem Zeitpunkt auf Platz 3 der EC-Wertung lagen, nur ca. 5 km Rückstand auf.
Ein besonderer Glanzpunkt bahnte sich bei Marianne Dahl an: Die mit 59 Jahren älteste Teilnehmerin des DLV-Teams steuerte nach einem bis dahin bemerkenswert gleichmäßigen Rennen auf eine neue Weltbestleitung in der AK W 55 zu!
Die letzte Stunde des Wettkampfs wurde ausschließlich auf der Tartanbahn im Stadion zurückgelegt. Die Atmosphäre unter den Zuschauern motivierte die Athletinnen und Athleten, sich noch einmal alles abzuverlangen. So spielte sich an der Spitze bei den Männern Dramatisches ab. Der Japaner Sekiya, der zu Beginn der letzten Stunde eigentlich eine komfortable Führung auf den Belgier Beckers herausgelaufen hatte, wurde von diesem in der letzten halben Stunde geradezu „stehen“ gelassen und verlor innerhalb kürzester Zeit fast 3 Kilometer auf den neuen WC-/EC-Champion, der mit 270.087 km gewann. So grausam kann ein 24-h-Lauf enden, getröstet wurde der Japaner allerdings mit dem Vize-WC-Titel.
Bei den Frauen hatte es lange einen Zweikampf zwischen der Russin Reutovich und der Ungarin Berces gegeben. Nachdem jedoch Berces in den letzten beiden Stunden die Kräfte verließen, war der Weg für Reutovich frei, die mit 237.052 km gewann. Dadurch, dass Berces mit 225.710 auf Platz 4 „durchgereicht“ wurde und die deutschen Frauen in der Schlussphase alle Kräfte mobilisierten, gelang es der Mannschaft mit Heike Pawzik, Christine Sextl und Marianne Dahl, gut 3 km auf das ungarische Team herauszulaufen und damit in der EC-Wertung die Bronzemedaille zu gewinnen!
Unter der frenetischen Anfeuerung des deutschen Betreuerteams um DLV-Nationalteamleiter Volkmar Mühl steigerte Marianne Dahl die alte Weltbestleitung in der AK W 55 von Gerda Schröder aus dem Jahre 1986 von 191.640 km auf nunmehr 195.324 km! Dass sie dabei ihre erst in Scharnebeck im Juni 2003 erzielte persönliche Bestleitung um rund 12 km steigerte, sei nur am Rande erwähnt.
Auch ihre Mannschaftskameradinnen Heike Pawzik und Christine Sextl stellten mit 202.051 und 196.929 km neue persönliche Bestleistungen auf. In der EC-/WC-Einzelwertung belegten die Frauen damit die Plätze 12, 15 und 16. Dahinter folgten Mereth Rose auf Platz 20 (182,463 km), Cornelia Bullig auf Platz 24 (174,255 km) und Illona Schlegel auf Platz 27 (167,486 km). In der WC-Mannschaftswertung schoben sich Japan und die USA noch vor das DLV-Frauenteam.
Das Männerteam mit Karl Graf (235,041 km), Sigurd Dutz (227,497 km) und Gerald Dudacy (222,667 km) erreichte in der WC-Wertung Platz 7, in der EC-Wertung Platz 5. In der Einzelwertung belegten Karl Graf Platz 14 in der WC-Wertung (11. EC-Wertung), Sigurd Dutz Platz 22 in der WC-Wertung (Pl. 17 EC-Wertung) und Gerald Dudacy Platz 29 in der WC-Wertung (Pl. 22 EC-Wertung).
Damit hat das DLV-Männerteam auch nach dem Ausfall des Top-Leistungsträgers Jens Lukas noch einen ansehnlichen Beitrag zum dem insgesamt positiven Abschneiden der deutschen Mannschaft geleistet.
Für die Zukunft des 24-Stunden-Laufs bleibt zu hoffen, dass IAU und IAAF dem nun eingeschlagenen Kurs der Verankerung der „World Challenge“ in den internationalen Meisterschaftskalender treu bleiben und dieser Sportart damit auch längerfristig innerhalb der Leichtathletik die Anerkennung sichern, die ihr aufgrund der besonderen Leistungen der Athletinnen und Athleten zusteht.
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