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Die Lauffreunde meines Vaters waren richtig harte Hunde. Fasziniert hörte ich ihnen als Kind zu, wenn sie von ihren Laufabenteuern berichteten, von härtesten Intensitäten im Training und in Wettkämpfen: „Es geht darum, den inneren Schweinehund zu besiegen, den Körper bis an den Rand der Leistungsgrenze zu führen. Schmerzen sind dazu da, um überwunden zu werden.“ So wuchs ich in den Leistungssport hinein und wollte in die Fußstapfen der Helden meiner Jugend treten.

Als ich meine ersten 24-Stundenläufe absolvierte, merkte ich: "Ja, ich kann mich gut quälen. Je länger die Strecke wird, je länger die Zeitdauer eines Wettkampfes ist, um so wichtiger ist mentale Stärke." Was ist nun diese mentale Stärke? Die Kunst sich zu quälen? Die Signale des Körpers zu ignorieren und sich über die Schmerzgrenze hinweg zu belasten? "Dies ist mentale Stärke", dachte ich. Ich habe diese immer weiter perfektioniert und dabei mit starken Bildern in meiner Vorstellung nachgeholfen. Das stärkste Bild, welches ich dazu verwendete, mich im Wettkampf zu noch größeren Leistungen zu motivieren, war „Die Todeszelle“. Wenn ich kurz vor dem Aufgeben in der oft schwierig zu bewältigenden Nacht im 24-Stundenlauf stand, so stellte ich mir vor, ich hätte eine Alternative, zu tauschen mit einem zum Tode verurteilten Häftling, Vollstreckung im Morgengrauen. Und so erschien mir das Weiterlaufen als Geschenk. Ich war dankbar dafür, nicht in der Todeszelle zu sitzen. Dieser Ansatz funktionierte.

Mich beschlichen aber Zweifel, ob das wirklich der beste Ansatz sei. Ich vermutete, dass es viel Kraft koste, den Körper mit Gewalt zur Leistung anzutreiben. Diese Kraft wollte ich lieber zum Laufen nutzen. Mich interessierte, ob es nicht auch anders funktionieren könnte, ohne die mentale Stärke, wie ich sie bis dahin kannte. Im Mai 2004 probierte ich diesen neuen Ansatz bei der 24-Stunden-DM in Hamburg zum ersten Mal aus und das Ergebnis hat mich sehr verblüfft. Trotz widriger Witterungsbedingungen habe ich den Lauf als leicht empfunden, leichter als jemals zuvor einen 24-Stundenlauf. Bei den darauf folgenden Läufen habe ich versucht zu begreifen, warum dieser „sanfte“ Ansatz nun so viel besser für mich funktioniert, als der brachiale, zuvor beschriebene.

Jens_Zitat_Mentale_Aspekte

Meine wichtigste Erkenntnis: „Akzeptiere deine Situation, so, wie sie ist“. Wenn ich in den Bergen einen Gipfel hinauf laufe, so fällt mir dies viel leichter, als in der Ebene eine schnelle Einheit zu absolvieren. Der Berg ist einfach da. Es ist anstrengend, auf ihn hinauf zu laufen, aber ich käme nie auf den Gedanken, diesen Berg als Berg in Frage zu stellen. Er ist steil und mühsam. Das kann ich so akzeptieren, ohne weiter darüber nachzudenken. Bei einem 24-Stundenlauf sieht es schon anders aus. Irgendwann kommen die Zweifel, was ich für einen Schwachsinn mache, und dann wird es schwer. Ich habe versucht, einen 24-Stundenlauf genau so zu akzeptieren, wie einen Berg. Der Lauf ist genauso da. Ich brauche ihn nicht mehr in Frage zu stellen. Ich wollte an diesem Lauf teilnehmen und jetzt stehe ich mitten drin, wie im Berg. Der Lauf ist nicht böse, gemein und anstrengend, ich empfinde ihn nur manchmal so. Es ist mein eigenes Bild, welches ich mir von dem Lauf mache. Der Lauf ist nur ein Lauf, so wie ein Berg ein Berg ist. Nicht mehr. Ich muss lernen zu akzeptieren. Das Wetter ist nicht schlecht. Es ist, wie es ist. Ich empfinde es manchmal als sehr unangenehm. Aber es ist mein eigenes Empfinden. Akzeptieren heißt, die Dinge, die ich nicht beeinflussen kann, neutral sie selbst sein zu lassen. Wenn ich mit dem Wetter hadere, dann bekomme ich Frust. Ich habe einfach keinen Einfluss auf das Wetter. Aber ich kann mein Gefühl zum Wetter beeinflussen. Es fängt an zu regnen. Ich denke mir schon innerlich: "Mist! Es regnet!" Und ich habe Angst davor zu frieren, bevor ich überhaupt friere. Meine Gedanken kreisen um den Regen: "Wenn es schlimmer wird, werde ich vielleicht so kalt, dass ich das Rennen beenden muss." Fünf Minuten später hat der Regen wieder aufgehört, ich habe mir ganz umsonst Sorgen gemacht. Wenn ich merke, dass meine Gedanken um etwas kreisen, was ich nicht beeinflussen kann, was real im Moment gar nicht da ist, dann versuche ich, diesen Gedankengang zu stoppen. Ich rede mir nicht ein, wie schön doch eigentlich das Wetter ist, dass es ja noch viel schlimmer sein könnte. Das wäre reiner Selbstbetrug. Ich glaube, wir sind viel zu gerissen dazu, dem auf den Leim zu gehen. Wenn ich meine Situation wirklich akzeptiere, dann gibt es gar keine Veranlassung dazu, mir Gedanken um sie zu machen.

Zum Akzeptieren gehört für mich auch, in jeder Sekunde eines Laufs präsent zu sein, nicht mit den Gedanken in die Vergangenheit oder in die Zukunft abzuschweifen. Vergangenheit: "Letztes Jahr hast du für die ersten 100 Kilometer diese Zeit gehabt. Nun bist du zehn Minuten langsamer. Es hat einfach besser geklappt." Zukunft: "Nur noch acht Stunden. Dann ist es vorbei. Wie schön ist danach das Gefühl, es geschafft zu haben." Beide Gedankengänge habe ich früher schon oft durchlebt. Diese beruhen aber auf der Tatsache, die vorhandene Situation nicht anzunehmen, nicht zu akzeptieren. Ein Flüchten aus der Realität heraus. Wenn ich merke, dass meine Gedanken in die Vergangenheit oder Zukunft abschweifen, dann versuche ich diese Gedanken zu beenden. Irgendwann tun die Beine weh. Lässt sich nicht vermeiden. Früher half mir die Vorstellung, dass es den anderen Teilnehmern auch nicht besser geht. Wir alle haben Schmerzen. Das Vergleichen mit den Mitläufern ließ mich meine eigenen Schmerzen trotzdem nicht vergessen. Immer wieder wurde ich damit konfrontiert, weil ich den Schmerz einfach nicht akzeptieren wollte. Heute kommt der Schmerz immer noch, aber er stört mich viel weniger. Meist nehme ich ihn gar nicht mehr wahr.

Meine ursprüngliche Sichtweise zur mentalen Stärke hat sich nun grundlegend geändert. Früher dachte ich, ich müsse mit Kraft meinen Körper zu Höchstleistungen treiben. Nun weiß ich für mich, mentale Stärke bedeutet, alle Gedanken, die mich mental schwächen, von mir abzuhalten, zu stoppen. Plumpes "sich-froh-reden" hilft mir dabei nicht. Der Selbstbetrug ist schnell erkannt, und das ständige Kreisen der Gedanken um die eigene, schwierige Situation im Wettkampf verstärkt nur noch die negativen Empfindungen. Wir denken uns gewissermaßen um Kopf und Kragen.

Natürlich ist es wichtig trotzdem zu denken. Wenn ich merke, dass mir schlecht wird: "Ich sollte vielleicht einen Schluck Cola trinken." Ich habe mich übergeben: "Salzstangen werden meinen Magen beruhigen." Die Haut meiner Oberschenkel fühlt sich kühl an: "Ich sollte eine längere Hose anziehen." Diese Gedanken sind hilfreich. Ich analysiere kurz die Situation und reagiere, mehr nicht.

Es ist manchmal schwierig, Gedanken einfach zu stoppen, Gedankengänge, die uns mental schwächen zu unterbinden. Ich versuche mich durch meine Augen abzulenken. Ich versuche dann, die Welt um mich herum mit den Augen eines Kindes zu sehen. So wie neu geboren. Es gibt so viel zu sehen. Wir übersehen oft so viel, so vieles scheint uns selbstverständlich, nicht wert, genauer betrachtet zu werden. Ich versuche bei 24-Stundenläufen bewusst, auf einer Runde immer wieder Neues zu entdecken. Es macht richtig Spaß plötzlich festzustellen, was man vorher übersehen hat. Durch Sehen schaffe ich es fast augenblicklich, Gedanken zu unterbinden. Beim täglichen Laufen habe ich begonnen, dies zu üben, die Phasen des nicht Denkens auszudehnen, nur das Auge die Umwelt wahrnehmen zu lassen, so wie sie sich darstellt, ohne Bewertung und die Verklärung der eigenen Gedanken. Jens Lukas (Bild: Boelke)
Wie kann ich es noch vermeiden, mich mental zu schwächen? Ich befolge keinen Zeitplan mehr als Renneinteilung für einen 24-Stundenlauf. Sowie ich das Gefühl habe, ich könne den Plan nicht halten, stellen sich unangenehme Gedanken ein: "Ich schaffe es nicht..." Ich habe immer schwächere und stärkere Phasen während eines 24-Stundenlaufs. Wenn ich nun in einer schwachen Phase meine Zwischenzeit mit dem Plan abgleiche, bin ich deprimiert. Dass darauf wahrscheinlich wieder eine stärkere Phase folgt, übersehe ich leicht und resigniere. Jetzt versuche ich lieber so zu laufen, dass ich mich gut fühle. Mit der Brechstange eine geplante Zwischenzeit einzuhalten, führt bei mir zum schnellen Aus. Wenn ich mich schon an einer Zahl festhalten will, so versuche ich nach Puls zu laufen. Mit Puls 130 komme ich gut durch, das weiß ich. Der Vorteil ist, dass persönliche Form, Gesundheitszustand und Witterungsverhältnisse in den Puls einfließen, eine blanke Zeitvorgabe berücksichtigt dies nicht.

Aus der positiven Ausstrahlung meiner Betreuer kann ich unheimlich viel Kraft schöpfen. Darum ist es für mich so wichtig, meine Betreuer pfleglich zu behandeln, auch in schwierigen Phasen des Rennens das zwischenmenschliche Verhältnis nicht zu belasten. Wenn ein Betreuer mir das Gefühl vermittelt, er ist stolz auf mich, er hat seine Freude daran, wie ich laufe, so ist das ein riesiger Gewinn für mich. Wenn ich griesgrämig meine Runden drehe, dann bekomme ich kein positives Feedback von Betreuern und Zuschauern. Auch wenn es manchmal schwer fällt versuche ich zu lächeln, Außenstehenden und Mitläufern freundlich zu begegnen. Diese kleine Mühe (irgendwann fällt es schwer) lohnt sich so sehr, kommt doch ein Vielfaches von außen zurück. Dieses positive Feedback lenkt mich ebenfalls ab von zermürbenden, zu nichts führenden Gedanken.

Ich habe nun Erfahrungen mit zwei verschieden Ansätzen gemacht. Für mich hat sich der unspektakuläre zweite, sanfte Ansatz bewährt. Ich glaube, dieser Weg ist für mich der sehr viel effektivere, der leichtere allemal. Quäl dich du Sau? Nein Danke, das hab ich hinter mir!

(Hinweis: Der Text wurde bereits in ULTRAMARATHON 2006 abgedruckt)

Bild: Carsten Bölke

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