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100 km World Cup Winschoten/NL am 11.9.2004 Print E-mail
Written by Volkmar Mühl   
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Die 18.500 Einwohner zählende Stadt in der Nähe von Groningen liegt nur ca. 15 km von der deutsch-holländischen Grenze entfernt und ist seit 1976 jährlicher Austragungsort eines 100 km-Laufs. Seit 1989 werden hier internationale Meisterschaften der IAU (International Association of Ultrarunners) durchgeführt und dass in Winschoten alleine von 2000 bis 2004 bei 4 Veranstaltungen ein World Cup bzw. eine EM ausgetragen wurde, hat nachvollziehbare Gründe.

Neben der zentralen Lage in Europa und dem Vorhandensein finanzkräftiger Sponsoren gibt es hier eine vollständig flache, verkehrsfreie 10 km-Runde und die Akzeptanz des Ultralaufs in der Bevölkerung ist in Form vieler Zuschauer, die die Teilnehmer während des gesamten Rennens lautstark anfeuern, ständig spürbar.


Foto: „Duitsland“ bei der Flaggenparade

Gestartet wird traditionell um 13.00 Uhr, 10 Minuten später gehen die Marathonläufer und wiederum 20 Minuten später die Staffeln auf die Strecke, so dass neben den gemeldeten Nationalmannschaftsläufern sowie den Teilnehmern am offenen Lauf, insgesamt ca. 350 an der Zahl, auch sonst für viel Leben auch auf der Strecke gesorgt war.

Bereits in der Vorschau auf diese Veranstaltung habe ich die Gründe genannt, die im Vorfeld dazu führten, dass kein DLV-Männerteam nominiert werden konnte und auch die Frauenmannschaft ohne die zur Zeit stärkste deutsche 100 km-Läuferin an den Start gehen musste. Ungünstige Voraussetzungen also, um die Erfolge unserer Frauen beim letzten World Cup in Taiwan bzw. der EM 2004 in Italien zu wiederholen, als jeweils die Silbermedaille in der Mannschaftswertung errungen werden konnte.

In der Mannschaftsbesprechung am Vorabend wurde dennoch als Ziel eine Top 5-Platzierung unter den 14 gemeldeten Frauenteams als fraglos ehrgeiziges Ziel verabredet. Dr. Thomas Miksch als Einzelstarter bei den Männer hatte sich vorgenommen, diesmal die 7-h-Marke zu unterbieten, nachdem er 2003 bei der DM in Endingen mit 7:00:05 h denkbar knapp daran gescheitert war.


Foto: Birgit-Schönherr Hölscher, Carmen Hildebrand, Dr. Thomas Miksch, Simone Stöppler vor dem Start

Die äußeren Bedingungen waren mit einem böigen Wind und einer stechenden Nachmittagssonne keineswegs ideal. Dies hinderte viele der Läuferinnen und Läufer in dem Klassefeld mit 33 teilnehmenden Nationen jedoch nicht daran, ein hohes Anfangstempo anzuschlagen. Bei den Männern absolvierte der Ukrainer Oleksandr Holovnytskyy als Führender die Anfangsrunde in 37:02 min., bei den Frauen legte die Russin Tatiana Zhyrkova mit 40:54 min. für die ersten 10 Kilometer ein Höllentempo vor, die Japanerin Akiko Sekiya folgte in 41:31 min.

Unsere Frauen ließen sich nicht mitreißen und hielten sich an die in der Mannschaftsbesprechung festgelegte defensive Taktik der besonderen Zurückhaltung in dieser gerade beim 100 km-Lauf so wichtigen Wettkampfphase. Entsprechend weit lag das Team nach dem ersten Renndrittel zurück.

Ab km 40 änderte sich die Situation jedoch innerhalb weniger Kilometer. Die zuvor weit vor unseren Frauen liegende US-amerikanische Mannschaft musste bereits deutliche Einbrüche verzeichnen und die hoch eingeschätzten Französinnen bekamen wenig später Probleme, die zum Ausstieg zweier starker  Läuferinnen führten.

Die DLV-Frauen begannen also ab der Mitte des Rennens erkennbar von ihrer Taktik zu profitieren und arbeiteten sich Platz für Platz nach vorne.

Allen voran Birgit Schönherr-Hölscher. Keineswegs eine reine Ultramarathonläuferin übrigens, die Athletin vom PV Tria Witten, hatte sie doch  erst Anfang August ihren letzten Langtriathlon mit einem 3:20er Schlussmarathon absolviert. Im Gegensatz zu fast allen anderen Teilnehmerinnen konnte sie ihr Tempo ab km 50 beinahe schlagartig steigern; in der Endphase holte sie die unmittelbar vor ihr auf Platz 6 und 7 laufenden Italienerinnen fast noch ein und finishte mit Platz 8 in neuer persönlicher Bestzeit von 8:00:39 h – schade, dass die 8-h-Marke am Ende nur um wenige Sekunden verfehlt wurde. Hätten zu Beginn der letzten Runde aufgetretene schmerzhafte Seitenstiche ihren Tatendrang nicht entscheidend beeinträchtigt – ich bin sicher, dass sie die im Ziel genau 14 Sekunden vor ihr liegende Italienerin, die sie bereits überholt gehabt hatte, noch deutlich distanziert hätte und auch die 8-h-Marke gefallen wäre…

Jedenfalls hat Birgit damit das seltene zu beobachtende Kunststück der schnelleren zweiten Hälfte vorgeführt, indem sie diese fast 4 Minuten schneller als die erste bewältigte – eine Demonstration höchster läuferischer Disziplin.


Foto: Verpflegungsübergabe mit taktischen Informationen kurz vor km 70

Die Steinauerin Carmen Hildebrand vom SSC Hanau-Rodenbach hatte bereits ab der vierten Runde mit einigen Problemen zu kämpfen. Ihre leichten Kreislaufschwierigkeiten verschwanden zwar bei km 60 wieder, aber nur, um neuen Magenproblemen Platz zu machen. Dennoch hielt die Läuferin vom SSC Hanau-Rodenbach, die Landschaftsläufe eigentlich einer 10 x 10 km-Runde vorzieht, eisern ihr Tempo und hatte in ihren Rundenzeiten lediglich in der 7. Runde einen kleinen „Ausreißer“ nach unten zu verzeichnen.  Welch glänzendes Rennen sie absolvierte, zeigt ihr Endresultat mit Platz 11 in ebenfalls neuer persönlicher Bestzeit von 8:20:57 h.


Foto: Carmen Hildebrand wenige hundert Meter vor dem Ziel

Ihre Vereinskameradin Simone Stöppler folgte einen Platz dahinter in einer für sie gleichfalls  ausgezeichneten Leistung von 8:22:46 h, die für sie Jahresbestleistung bedeuteten. Sie und Carmen hatten sich bis km 90 ständig abgewechselt, erst dann fiel Simone zurück, als Carmen sich mit 49:46 gegenüber 52:56 noch klar absetzen konnte. 

Dr. Anke Drescher sicherte die Leistungen ihrer Mannschaftskameradinnen in einer ebenfalls noch ansprechenden Zeit unter neun Stunden ab (8:58:55 h, Platz 28).

In der Summe ergaben die Leistungen der ersten drei deutschen Läuferinnen eine Gesamtzeit von 24:44:22 h und somit Platz 4 der Mannschaftswertung, ein vorher kaum für möglich gehaltenes Resultat. Die persönlichen Bestzeiten dokumentieren einerseits, dass damit das Optimum erreicht wurde und zeigen andererseits den Abstand zur Weltelite auf.

Denn die russische Mannschaft siegte in 23:10:05 h vor Italien mit 23:28:38 h und Japan mit 23:37:47, in der Einzelwertung gewann die Russin Tatiana Zhyrkova in der Weltklassezeit von 7:10:33, die auch einen neuen europäischen Rekord darstellt. Zweite wurde ihre Landsmännin Marina Bichkova in 7:26:37 h vor der Europameisterin Monica Casiraghi aus Italien in 7:29:21 h.

Dr. Thomas Miksch konnte leider der Versuchung nicht widerstehen, im Feld der vielen Weltklasseläufer in den ersten beiden Runden mitzugehen und musste ab km 40 dafür Tribut zollen. Dennoch hielt er sein Tempo konstant und konnte sich in den beiden letzten Runden sogar noch einmal steigern, so dass er am Ende mit erzielten 7:06:50 h und Platz 17 der Männer-Einzelwertung berechtigten Grund zur Zufriedenheit hatte. Hier siegte der Europameister Mario Ardemagni aus Italien in herausragenden 6:18:22 h, gefolgt von Jaroslaw Janicki, Polen, in 6:26:22 h vor Oleg Kharitonov aus Russland in 6:32:55 h. Der Sieger stellt damit übrigens einen neuen Weltrekord in der AK M 40 auf!

Die Mannschaftswertung der Männer gewann Italien (Ardemagni, Sartori, Trincheri) in 20:06:39 h vor Japan (Kobayashi, Yamamoto, Mizobuchi) in 20:59:28, Bronze ging an Belgien in der Besetzung Papanikitas, Hostens, Taelman in 21:31:58 h.


Foto: Die deutsche Mannschaft mit Betreuern, aber ohne Simone Stöppler, von links Dr. Thomas Miksch, Julia Mühl, Volkmar Mühl, Fritz Stöppler, Dr. Anke Drescher, Carmen Hildebrand, Birgit Schönherr-Hölscher eingerahmt von Sohn David und Tochter Mara

Am Rande der Meisterschaft fand in Winschoten der diesjährige Kongress der IAU mit Wahlen zum IAU-Council statt. Hier wurden entscheidende personelle Weichenstellungen für die Zukunft vorgenommen. Zum neuen IAU-Präsidenten wählten die Delegierten den Belgier Dirk Strumane, der bereits in den vergangenen Jahren Erfahrung als IAU-Director of Organisations sammeln konnte und mit Malcolm Campbell den Gründungspräsidenten ablöst, der die Geschicke der IAU 20 Jahre lang entscheidend geleitet hat. Campbell wurde unter Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenpräsidenten der IAU gewählt und später im Rahmen der Siegerehrung auch von den anwesenden Athletinnen und Athleten gebührend verabschiedet.

Mit Roelat Veld ist nun ein Niederländer neuer Vizepräsident der IAU, als Director of Development wurde der bisherige Amtsinhaber Soto Rojas bestätigt. Gleiches gilt für den deutschen Vertreter Harry Arndt, der seine bisherige Arbeit in der IAU damit ebenfalls die nächsten 4 Jahre fortsetzen kann. Mit dem Belgier Jan Vandendriessche wurde ein hochkarätiger Ultraläufer früherer Tage als Director of Organisations ins Council gewählt.

Auch die Kommissionen wurden neu gewählt, hier wurden in weiten Teilen die bisherigen Mitglieder bestätigt. Da DUV-Vizepräsident Günter Stachel nicht mehr für das „Arbitration Panel“ kandidierte, wird DUV-Präsidiumsmitglied Heinz Klatt im Bereich Rekorde/Statistik in Zukunft als einziger Vertreter der DUV in einem der Komitees tätig sein.

Damit sollten die Voraussetzungen für eine zukunftsorientierte Arbeit in der IAU geschaffen sein. Einen der Schwerpunkte wird ohne Frage die Vertiefung der Zusammenarbeit mit der IAAF darstellen,  wie auch der anwesende deutsche IAAF-Vertreter Otto Klappert betonte.

Mit der Einrichtung einer neuen Kommission „Ultra Trail“ zeigt das IAU-Council bereits Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen.

Das DUV-Präsidium gratuliert und wünscht dem neuen Council viel Erfolg!

Nächste internationale Meisterschaft im 100 km-Lauf ist der Ende Juni 2005 in Lake Saroma/Japan stattfindende World Cup, Austragungsort der EM wird wieder Winschoten im September sein.

Nach Kontakten mit verschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten für das Nationalteam bin ich zuversichtlich, dass wir 2005 bei den Männern mit neuen Athleten wieder ein vollständiges Team zusammenstellen werden und uns mit einer verstärkten Frauenmannschaft auch wieder Hoffnungen auf eine Medaille machen dürfen.

Autor: Volkmar Mühl, DUV-Präsident und DLV-Nationalmannschaftsleiter 100 km

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