facebook icon   twitter icon     

WhatsApp Image 2026 10 04 at 09.43.17

 

Regen, Nebel, Leonidas, Spartathlon!

von Norman Mascher-Aspensjö 

246 Kilometer, 80 davon im Dauerregen, ein Berg in einer Regenwolke – und am Ende der Fuß von König Leonidas. Mein dritter Spartathlon war mein langsamster. Und trotzdem der, auf den ich am stolzesten bin. Dieses Jahr war ich nicht nur als Läufer in Griechenland, sondern zum ersten Mal auch als Leiter des Deutschen Spartathlonbüros der DUV. Hier mein Bericht – vom Rennen, vom Team und von den Momenten, die bleiben.

Der 44. Spartathlon in Zahlen

 

Starter

Finisher

Quote

Gesamt

382

278

73 %

Deutschland

21

17

81 %

Unter den 21 deutschen Startern waren 8 Debütantinnen und Debütanten.

Ankommen, ankommen lassen

Offizieller Anreisetag war der 24. September, die meisten von uns waren aber schon ein paar Tage früher in Athen. Unser Teamhotel, das Congo, teilten wir uns mit den Teams aus Großbritannien und Frankreich – da trifft man viele bekannte Gesichter aus früheren Jahren und anderen Rennen wieder.

Am Mittwoch, den 23. September, fand die offizielle Pressekonferenz statt. Neben den Offiziellen und Sponsoren waren in diesem Jahr Markus Thalmann, Dean Karnazes und Badwater-Chef Chris Kostman als Ehrengäste dabei. Markus kannte ich bis dahin nicht persönlich. Nach der PK haben wir uns bestimmt zwei Stunden unterhalten – über die Strecke, Renntaktik, Regeneration und seine Studien rund um den Lauf. Ein Gespräch, von dem ich viel mitgenommen habe.

Am Abend traf sich ein Großteil des deutschen Teams zum gemeinsamen Essen. Natürlich beim griechischen Italiener.

Donnerstag startete die Registrierung mit Startnummern- und Trackerausgabe. Dazu gibt es ein Zertifikat über Qualifikation und Teilnahme – ein schönes Andenken, bevor überhaupt ein Meter gelaufen ist.

Freitag war Dropbag-Tag. An 24 der insgesamt 75 Checkpoints kann man einen Beutel hinterlegen. Die Kunst ist, sich ehrlich einzuschätzen: Wann brauche ich die Nachtausrüstung wirklich? Und bin ich auf wechselndes Wetter vorbereitet – nicht nur, aber vor allem am Sangaspass? Wie wichtig diese Frage war, sollte sich bald zeigen.

Von der Akropolis nach Korinth – 80 Kilometer Regen

Samstag, 5:45 Uhr: Die Busse fahren von den Teamhotels Richtung Start. Um 6:30 Uhr fallen die ersten Tropfen. Wir machen noch ein Teamfoto und um 7:00 Uhr fällt an der Akropolis der Startschuss.

Die ersten Kilometer führen bergab, und wie jedes Jahr geht das Feld flott los. Ab etwa Kilometer 25 drosselte ich bewusst auf 5:00 min/km. Den ersten kurzen Stopp zum Auffüllen der Gels hatte ich für CP12 geplant, kurz nach der Marathonmarke.

Der Regen wurde stärker statt schwächer. Bei mir regnete es durchgehend die ersten 80 Kilometer – bis CP22, dem großen Checkpoint nach der Überquerung des Kanals von Korinth. Neu in diesem Jahr: Der Checkpoint lag diesmal am Archäologischen Museum von Isthmia. Dort war ich nach 6:40 Stunden. Ein trockenes Shirt, durchatmen, und weiter ins zweite Drittel.

WhatsApp Image 2026 10 02 at 14.21.55

Nemea, Kilometer 135 und ein Anruf nach Hause

Die Halbzeitmarke in Ancient Nemea bei CP35 erreichte ich nach 11 Stunden. Rund zehn Minuten Pause, zwei Suppen, neue Gels, Stirnlampe auf – die Nacht konnte kommen.

Auch bei meinem dritten Spartathlon war ich ohne eigene Supportcrew unterwegs. Und auch dieses Mal kann ich nur sagen: Die griechischen Helferinnen und Helfer an den Checkpoints sind großartig. Manchmal kümmerten sich zwei Leute gleichzeitig um mich und packten bei jedem Handgriff mit an. Danke dafür!

Bei etwa Kilometer 135 gibt es eine Stelle, die für mich zu jedem Spartathlon dazugehört. Dort rufe ich per Video zu Hause an – bei meiner Frau Janette und unseren drei Kindern. Bisher war das immer ein kurzer, fröhlicher Moment im Sonnenuntergang von Griechenland. Doch dieses Mal nicht. Regen und Kälte hatten mir so viel Energie geraubt, dass ich zum ersten Mal laut aussprach, was ich bis dahin nur gedacht hatte: dass ich es vielleicht nicht schaffen würde.

Natürlich ließen sie das nicht gelten. Kein bisschen. Und während ich ihre Gesichter auf dem kleinen Display sah, wusste ich: Ich ziehe das durch. Ich glaube, ohne dieses Telefonat wäre mein Rennen anders ausgegangen.

Das Wetter war übrigens nicht für alle gleich – je nachdem, wann man wo unterwegs war, hatten die Läuferinnen und Läufer ziemlich unterschiedliche Bedingungen.

Der Berg – in einer Wolke

Mountain Base erreichte ich nach 15:45 Stunden. Ein warmer Tee mit Zucker, dann direkt hinein in den Aufstieg.

Diese 30 Minuten werde ich vermutlich nie vergessen. Steil, Geröll, die Route wie immer nur durch Flatterband markiert – und alles komplett in eine Regenwolke gehüllt. Sicht: zwei bis vier Meter. Man konzentriert sich hier am besten einfach darauf, sicheren Halt zu finden und einen Schritt nach dem anderen zu machen.

Oben ein kurzer Stopp, eine zweite Windjacke drunter, dann der Abstieg. Vor zwei Jahren konnte ich ihn trotz der vielen großen Steine noch laufen. Dieses Jahr: keine Chance. Der Wind war extrem, gefühlt um die 5 °C, dazu Regen. Wieder nur ein paar Meter weit Sicht. Unten kam ich komplett durchgefroren an.

Am Checkpoint bekam ich zum Glück zwei Rettungsfolien – eine für die Beine, eine für oben. So eingewickelt konnte ich zumindest gehend weiter Richtung Sparta. Es dauerte etwa anderthalb Stunden, bis mir wieder warm genug war, um zu laufen.

Nach Sparta

Nach etwa 20 Stunden (Kilometer 180) und noch einmal nach 22:45 Stunden (Kilometer 200) versuchte ich jeweils einen zehnminütigen Powernap. Das ging nicht gut: Sobald der Körper herunterfuhr, wurde mir wieder kalt. Also weiter. Die Anstiege ging ich, um die Beine zu schonen, die Abstiege konnte ich laufen.

Irgendwann in der Nacht hatte ich mich innerlich auf ein Finish jenseits der 30 Stunden eingestellt. Doch auf den letzten 30 Kilometern kam noch einmal etwas zurück, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte. Kilometer für Kilometer kam ich dem Ziel laufend näher.

Dann Sparta. Die letzten drei Kilometer begleiteten mich spartanische Kinder auf Fahrrädern und Mopedfahrer. Autos hupten zum Gruß – so wie auf weiten Teilen der Strecke. Von den Balkonen kam Applaus.

Und dann die letzte Kurve. Die Zielgerade – voller Kinder, die neben mir herlaufen und sich ein High-Five abholen. Ich habe versucht, mir diesen Moment vorher auszumalen, aber es gelingt jedes Mal nicht. Nach all dem Regen, nach dem Berg in der Wolke, nach dem Moment am Telefon, in dem ich gezweifelt hatte, lief ich endlich auf die Statue zu. Der Jubel, die Menschen, die Erschöpfung, die Erleichterung. Es ist der mit Abstand unglaublichste Zieleinlauf, den ich mir vorstellen kann.

Nach 28:37 Stunden berührte ich den Fuß von König Leonidas.

Mein drittes Finish, mein langsamstes – und definitiv das, auf das ich am stolzesten bin.

Nach dem Rennen: an der Ziellinie, in Unterhosen, auf der Tanzfläche

Den Rest des Tages verbrachten wir als Team an der Zielgeraden und feuerten jede und jeden an, der einlief. Den deutschen Abschluss machten Lore Steiner und Jörn Künstner, rund fünf und drei Minuten vor Cut-off. Der letzte Finisher des Rennens überquerte die Linie unglaubliche sieben Sekunden vor Zielschluss – unter tosendem Applaus. Am Abend gab es in Sparta eine erste Siegerehrung.

Am Montag sammelten wir die Dropbags ein und gingen zur legendären Spartan Mile: eine Runde im Stadion hinter der Leonidas-Statue, in Unterhosen. Direkt danach folgte die Spartan Beer Mile in ihrer vierten Auflage – Team Deutschland stellte mit 4 von 9 Startern die stärkste Fraktion. Anschließend fuhren wir zum Mittagessen mit dem Bürgermeister von Sparta und danach rund drei Stunden zurück nach Athen.

Den krönenden Abschluss bildeten am Dienstagabend das Gala-Dinner und die Award Ceremony. Neben den Gesamtsiegern wurde Markus Thalmann geehrt, danach wurde jede Nation in alphabetischer Reihenfolge mit ihren Finisherinnen und Finishern auf die Bühne gerufen – mit Medaille und Finisher-Zertifikat. Dann übernahm der DJ, und wir fanden uns auf der Tanzfläche wieder. Am Mittwoch ging es nach Hause.

Die deutschen Finisher

PlatzZeit (h)Name
38 28:30:09 Matthias Krah
41 28:37:24 Norman Mascher-Aspensjö
48 29:14:09 Klaus Haake
60 30:12:32 Eike Kleiner
86 31:42:13 Malte Sahling
109 32:44:44 Jürgen Klopfer
122 33:10:16 Falk Sittner
132 33:24:20 Julian Nassadil
132 33:24:20 Kirsten-Ralph Tolksdorf
150 33:53:30 Tobias Mosebach
166 34:17:20 Ulf Buschmann
171 34:21:55 Ralf Gundermann
180 34:33:25 Christiane Böhm
225 35:11:33 Claudia Bree
240 35:18:58 Oliver Leu
274 35:54:40 Lore Steiner
275 35:56:33 Jörn Künstner

 Herzlichen Glückwunsch euch allen!

 In eigener Sache: das Deutsche Spartathlonbüro

 Es war mir eine riesige Ehre und Freude, in diesem Jahr das Deutsche Spartathlonbüro zu leiten. Vom gesamten Team und von den Offiziellen der ISA in Griechenland wurde ich sehr herzlich empfangen – es hat richtig Spaß gemacht.

 Eines ist mir dabei wichtig: Ich gebe mir alle Mühe, aber sehr viele Fragen kann auch einfach das Team beantworten. Viele von uns haben deutlich mehr Erfahrung als ich, oder ganz andere Erfahrungen gesammelt. Genau dieses Wissen macht uns stark. Als Team haben wir das super gemeistert, finde ich.

 Schade, dass es nicht alle laufend nach Sparta geschafft haben. Aber eine Finisherquote von 81 Prozent bei diesen Bedingungen – das ist schon echt phänomenal. Wir sehen uns 2027 an der Akropolis!