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Ab und zu veröffentlichen wir hier Laufberichte, die aus vielerlei Gründen nicht in der ULTRAMARATHON abgedruckt werden können. Hier ist Dirk Karls Bericht von Basel:

Bei unserem Start für die 100 km in Biel hatten Timo, Ingo und ich uns 2008 bei Hansueli einquartiert. Damals verbrachten wir angenehme Tage mit Kost und Logis. Seit diesem Zeitpunkt stand ich in losem Kontakt mit Hansueli, der mir schließlich vorschlug, gemeinsam den 24h-Lauf in Basel in Angriff zu nehmen.
Ich stimmte dem kurz entschlossen zu, nichts ahnend welche Trainingsvorbereitungen auf mich zukamen. In den Schlusswochen standen Trainingswochen mit weit mehr als 200 km an und wurden Ultraläufe bis zu 12 Stunden absolviert. Nach einer letzten leichten Trainingswoche und zwei Tagen Pause reiste ich schließlich freitags früh an. Ich war mit einer der ersten auf dem St. Jakob-Sportgelände und konnte mein Zelt auf dem schmalen Rasenstreifen entlang des 1145 m langen Rundkurses aufschlagen. Dort kam ich gleich mit Peter, einem erfahrenen tschechischen Ultraläufer ins Gespräch und holte mir letzte Tipps für das Rennen.
Er bot mir an in seinem Stuhl sitzen zu dürfen, falls ich während des Rennens die Schuhe wechseln wolle. Ansonsten bestünde die Gefahr beim Kriechen in das Zelt nicht mehr hoch zu kommen. Der Planet brannte jetzt um High Noon und die Wettervorhersagen ließen auch für den kommenden Tag ein brandheißes Rennen erwarten. Mit meinem Zeltnachbarn, einem netten Iren aus London machte ich mich auf zum Ausflug nach Basel, wo wir am Rhein und im Botanischen Garten entspannten. Wir kehrten zur abendlichen Pasta-Party zurück, holten unsere Startunterlagen ab und unterhielten uns mit anderen Ultraläufern. Darunter waren einige wie der Schotte Les, für die es darum ging die Qualifikationsnorm für das Nationalteam jenseits der 200 km ( Dtl: 230 km ) zu knacken. Für einige weit Angereiste aus Brasilien oder den späteren Sieger Victor Rodionov aus Litauen aber auch Nationalläufer wie den Deutschen Kai Horschig ging es schlicht ums Gewinnen.
Alle Mitglieder des Veranstalters Sri Chinmoy Marathon Team waren ausnahmslos äußerst nett und zuvorkommend. Die Läufer die für das Sri Chinmoy Marathon Team starteten trugen alle zusätzlich indische Vornamen und ihnen sind Alkohol und Nikotin strikt verboten, ebenso wie ihnen der Vegetarismus Gebot ist.
Sie vertreten alle die Philosophie von der inneren Leere, meditieren täglich mindestens eine halbe Stunde vor dem Bildnis des Meisters den sie auch in einem Atemzug mit Jesus Christus nennen. Ich legte mich früh ins Bett um am nächsten Tag ausgeschlafen an den Start zu gehen. Am nächsten Morgen galt es vor dem Start nochmals mehrere Teller Bircher Müsli in sich rein zu schaufeln und zu entspannen. Viele taten das mit Musik und Kopfhörern, andere meditierten oder relaxten. Mein Schweizer Laufkollege reiste erst kurz vor dem Start an und nach dem obligatorischen Lauffoto machten wir uns auf zum Start. Dort erfolgten die letzten Instruktionen, unter anderem der Hinweis auf die drei Toilettenanlagen entlang der Strecke, den kühlen Ruheraum, und das Massagezelt sowie der Hinweis sich bei Pausen vom persönlichen Rundezähler über den jeder Läufer verfügte abmelden zu müssen,. Mit dem Rundenzähler stand man in persönlichem Blickkontakt und machte jede Runde mit Handzeichen auf sich aufmerksam. Bei 30 Grad Celsius ging es los und ich beging den absoluten Anfängerfehler bei der Hitze zu schnell anzugehen, sodass ich bereits nach drei Stunden Laufzeit unter massiven Ermüdungserscheinungen litt. Außerdem trank ich wie beim Marathon gewohnt nur schlückchenweise. Ich musste meine Laufgeschwindigkeit sehr drosseln. Nach mehr als 5 Stunden Laufzeit und zu dieser Zeit absolvierten 50 km entspannte ich erst mal im kühlen Ruheraum , wo ich auch prompt einschlief und nach ca. 20 Minuten geweckt wurde. Ich wechselte meine Schuhe, stieg von meinen 500 g schweren Bär Ultralaufschuhen auf die 180 Gramm leichten Brooks Green Silence um und begab mich zum Massagezelt, wo ich mich erst mal vom freundlichen italienischen Masseur reanimieren ließ. Danach ging es mir erheblich besser und ich begann die Ernährungsstopps zu intensivieren und annähernd jede Runde zu trinken. Literweise schüttete ich Wasser, Apfelsaft, Karamalz, Cola und Fencheltee in mich hinein. Käsekuchen, Mais, Schokolade, Brezel, vegetarische Brotaufstriche fanden den Weg in meinen Magen. Ich machte die Erfahrung, dass das, was in der einen Runde schmeckte schon in der nächsten Runde Bäh sein konnte. Schon als kleines Kind hatte ich Fencheltee gehasst, den ich von meiner Mutter immer bei Erkältungen verabreicht bekommen hatte. Jetzt trank ich ihn mit wachsender Begeisterung. Die Veranstalter des Selbsttranszendenzlaufes hatten Recht behalten, ich hatte mich selbst besiegt und ein Kindheitstrauma überwunden.
Die anfängliche Euphorie wich relativ schnell der Realität Schmittchen Schleichers. Ich begann, einige Runden zu Fuß zu gehen und setzte mir das vorläufige Ziel, die 100 km-Marke zu erreichen, was um 1 Uhr nachts schließlich der Fall war. Zwischen 1 Uhr und 2 Uhr 45 Uhr schaffte ich es gerade mal noch 4 Runden zurückzulegen, sodass ich ein Einsehen hatte und beschloss mich für 3 Stunden in meinem Zelt abzulegen. Hansueli versprach, mich um 6 Uhr zu wecken.
Relativ frisch und munter stand ich auf und konnte deutlich schneller als im 6-Minuten-Schnitt laufen. Ziemlich schnell waren die 120 km erreicht und ich nahm mir vor 160,4 km zu laufen, um die 100 Meilen–Grenze zu knacken. Jeder Läufer durfte beim Erreichen der 100 km, der 100 Meilen und der für mich utopischen 200 km-Grenze mit einer blauen Fahne geschmückt eine Ehrenrunde drehen. Ich hatte die Runden akribisch gezählt und war sehr enttäuscht und verärgert darüber als ich die 140 km-Markierung erst 4 Runden nach meiner eigenen Zählung erreichte. Die Gespräche mit anderen Läufern ergaben ähnliche Frustrationen. Doch hatte ich wenig Energie und Muße fruchtlose Diskussionen zu führen. Ich nahm das Tempo raus und spazierte einige Runden. Erst in den letzten 45 Minuten wachte ich wieder auf, machte nochmals Tempo und konnte tatsächlich noch 9 km zurücklegen. Jeder Läufer erhielt ca. 15 Minuten vor Schluss eine mit seiner Startnummer versehene Fahne, die es dann galt beim Schlusssignal an Ort und Stelle fallen zu lassen oder in das Grün zu stecken. Das Überreichen der Fahne und das merkliche Finale setzten bei allen Läufern noch mal Energien frei und in den letzten Minuten wurde noch mal Alles gegeben. Schließlich kamen wir zum Stehen, pausierten einige Minuten und machten uns auf den Weg zu den Duschen. Ein Blick auf die Ergebnisliste zeigte das ich 159,329 km und Hansueli 161,654 km erreicht hatte, was mich sehr freute, denn so hatte wenigstens einer von uns die 100-Meilen-Grenze überwunden. Nach raschem Zeltabbau und einer schönen und familiären Siegerehrung, bei der auch die Nichtplatzierten eine Geschenktüte mit Lebensmitteln und Medaille überreicht bekamen, endete die Veranstaltung.

Zum Abschluss trank ich im Sportpark noch ein Schlösschenbräu, welches bei intravenöser Verabreichung nicht weniger Wirkung hätte entfalten können. Alles in allem war es für mich eine sehr angenehme Erfahrung, da man über den Zeitraum von 3 Tagen in einem überschaubaren Teilnehmerfeld in angenehmer und entspannter Atmosphäre auch die Zeit für längere Gespräche und gemeinsames Essen findet. Eine Frage jedoch muss leider unbeantwortet bleiben. Wieviele Fußballpartien wurden auf den umrundeten Sportplätzen innerhalb der 24 Stunden absolviert und wieviele Tore dabei erzielt?
 

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