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Die Nacht von Westflandern in Torhout (100K)
Die belgische Meisterschaft 100K und die Jagd auf eine Zeit unter 8 Stunden
2008 lief ich in Torhout meinen ersten Hunderter. Das Ziel war unter 8 Stunden zu laufen. Es schlug aber leider fehl. Verpflegungsprobleme und einige Fehlentscheidungen aus Unerfahrenheit führten zu einer Endzeit van 8St.20‘09“. Die Tatsache, dass ich knapp über und nicht unter 8St.20“ das Finish erreichte, war eigentlich ein Zeichen an der Wand, denn bis dahin war es mir dank meinem Endspurt immer gelungen knapp unter runden Zahlen einzulaufen. In Brüssel (20K) 1St.19‘59“, mein erster Marathon unter 3 Stunden war in 2St.59‘43“ und mein erster Marathon unter 2St.50‘ war in 2St.49‘50“.
Bei der Nacht gelang es mir also nicht, es war ja auch ein Hunderter, oder?
2009 stand ich, 6 Monate nach einer Leistenbruchoperation, wieder am Start in Torhout für meinen zweiten Hunderter. Ich hatte nur ein Ziel: es unter 8 Stunden schaffen. Für die erste Hälfte brauchte ich 3St.58‘30“. Zu langsam werden viele denken. Aber nein, während des ganzen Rennens war ich mir sicher: „Ich pack’s!“ In den letzten 600-700 Metern aber verhinderten die Kurven, dass ich meinen Endspurt voll entwickeln konnte und dadurch fehlten mir am Ende netto ganze 2 Sekunden. Pro Kilometer war ich 2 Hundertstelsekunden zu langsam!
Bei meinem dritten Versuch 2010 hatte ich einen Magen-Zwerchfellbruch, der mir eine Zeit unter 8 Stunden von vornherein unmöglich machte. Ich quälte mich durch und konnte mit viel Schmerzen nach 8St.12‘42“ das Finish erreichen. Die Hoffnung jemals unter 8 Stunden zu gelangen war nach diesem Rennen gleich 0. Zum Glück wurde eine Woche später endlich die richtige Diagnose meiner Probleme gestellt und konnte ich dank der richtigen Medikamente allmählich wieder richtig trainieren.
Am 17. Juli 2011 stand ich dann zum vierten Mal bereit um die erhoffte Zeit zu schaffen. Fünf Monate zuvor war ich zum zweiten Mal wegen eines Leistenbruchs operiert worden, aber die Vorbereitung war ganz gut gewesen: 14. Mai Steenbergen Marathon in 2St.52‘09“, 29. Mai IJsselstein Marathon in 2St.54‘18“, 4. Juni 50K Amsterdamse Bos in 3St.28‘13“. Am Samstag vor dem Hunderter lief ich noch eine Bestleistung beim Halbmarathon in 1St.17‘52“, also knapp UNTER 1St.18‘. Ein gutes Vorzeichen?
Die einzige Aufgabe, die mir danach blieb, war das Training abzubauen, auf die Ernährung zu achten und mich möglichst ruhig zu verhalten. Aber ja, dann hat man endlich nach den harten Trainingswochen ein wenig Zeit übrig und sieht man die viele Arbeit, die liegen geblieben ist. Könnt ihr dann im Sessel sitzen bleiben? Ich nicht! Die liegen gebliebene Gartenarbeit wurde aufgenommen. Am Dienstag (Mittwoch und Donnerstag würde ich mich endlich ruhig verhalten!) wurde noch ein Baum geköpft, zersägt, weggetragen,… Als die Arbeit zu Ende war, war ich froh, dass alles ohne Verletzung verlaufen war. Beim Aufräumen geschah’s dann. Ich bückte mich um einen Elektrodraht aufzuheben und es war, als ob jemand mir ein Schwert von hinten in die Wirbelsäule stieß. Der Schmerz zwang mich auf die Knie. Drei Tage vor dem Rennen wurde ich in einem Bruchteil einer Sekunde von einem topfitten Sportler in einen Haufen Elend verwandelt. Während ich auf dem Boden lag, überdachte ich die Folgen. Keine Zeit zwischen 7St.25‘ und 7St.50’wie geplant oder wenigstens erhofft, keine Quali für die WM in Winschoten, keine Zeit unter 8St., kein vierter aufeinanderfolgender Start in Torhout, geschweige denn ein Finish. Es sei denn, dass … meine Physiotherapeutin, Leen Van Damme, es noch hinkriegen würde. In den letzten anderthalb Jahren hatte ich schon dreimal eine ähnliche Blockade und sie hatte es immer relativ schnell wieder in Ordnung gekriegt. Natürlich musste ich dann 3 Tage später keinen Hunderter laufen, aber immerhin. Wie während einer schwierigen Phase in einem Ultralauf fasste ich mich und unter dem Motto „Stehen, gehen, laufen!“ versuchte ich wieder auf die Beine zu gelangen. „OK, erstes Ziel erreicht: Ich stehe wieder!“ Ich musste noch einen 1 Meter hohen Zaun überwinden und dann ging’s zum Telefon. 2 Stunden später wurde ich ein erstes Mal behandelt. Resultat: Ich fühlte mich noch schlechter. Abends versuchte ich ein Stückchen zu laufen, aber es ging nicht. Der Start in Torhout erschien mir in dem Moment ganz und gar unmöglich. Die 2. Behandlung am nächsten Tag hatte einen deutlich positiven Effekt. Nachher konnte ich wieder ohne allzu viel Schmerzen laufen, sei es sehr langsam. „Ich werde also doch starten können“, ging mir durch den Kopf. Nach der dritten Behandlung ging es noch etwas besser. Immer wenn ich gesessen oder Auto gefahren hatte, musste ich nachher wieder langsam in Gange kommen, aber zum Glück muss man während eines Hunderters weder sitzen noch Auto fahren. Wenn der Rücken es also aushalten würde, müsste ich das Finish erreichen können.
Wenn ich am Freitag etwa 12 Stunden vor dem Start aufstehe, spüre ich wieder eine Verbesserung. Eine Zeit unter 8St. ist vielleicht doch noch möglich. Die Wettervorhersage ist leider ungünstig: Regen und Wind. Der Regen ist weniger schlimm, aber Wind, das ist mein großer Feind. Normalerweise legt sich der Wind während der Nacht, aber diese Nacht soll er heftiger werden. Abwarten also.
Das Rennen dann: Es gibt wirklich viel Wind. Ich laufe nach einigen Kilometern in einer Gruppe, besser gesagt: Hinter mir hat sich eine Gruppe von Marathonläufern (sie starten gemeinsam mit dem Hunderter) gebildet. Das hat man davon, wenn man regelmäßig Pacer bei großen Marathons ist. Auch ohne Ballon haben einige mich erkannt. Es ist natürlich die umgekehrte Welt : Der Ultraläufer vorne und die Marathonläufer hinten, aber gut, nach zwei Runden muss ich sowieso noch drei Runden alleine weiter, also was soll’s. Nach gut 3St.13‘ bringe ich eine Frau ins Ziel die dank meiner Pacerarbeit ihre Marathonbestzeit läuft. Das habe ich dann heute wenigstens schon erreicht: Ich habe jemandem zu einer Bestzeit verholfen.
Nach 50K steht die Uhr auf 3St.51‘30“. Normalerweise geht’s mir in der zweiten Hälfte eines Rennens relativ gut, aber heute nicht. Der Wind wird immer stärker und verlangt mir zu viel Kraft ab. Leiste und Rücken protestieren und mein Tempo liegt zwischen Kilometer 60 und 97 über 5‘/Km. Es sieht danach aus, dass ich auch dieses Jahr die 8St. wieder knapp verfehlen werde. Für die letzten 3 Kilometer bleiben mir nur noch 13‘25“. „Alles oder nichts“, denke ich, während ich meinen 3 Kilometer langen Endspurt einsetze. Kämpfend und stöhnend und letztendlich auch jauchzend laufe ich nach 7St.59‘40“ durch das Finish. „Endlich, beim vierten Anlauf, geschafft!!!“


Gert Mertens
Belgischer Meister 100K M45 2011

Nachtrag von Gert am heutigen Abend (29. Juni): Ich habe gestern auch die Nachricht bekommen, dass ich als Mitglied der Belgischen Nationalmannschaft zur WM in Winschoten gehen darf. Ich werde zusammen mit Pieter Vermeesch, Gino Casier (Gewinner DUV-6-Stundencup 2010) und Yves Van Hoeck die A-Mannschaft bilden.

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