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Göttliche Bäume und teuflische Hunde


Wenn man den Namen Amsterdam hört, kommen einem gleich Bilder von Booten voller Touristen auf den Amsterdamer Gräben, aber an einen Wald denkt man da nicht. Aber doch gibt es so ein prächtiges Stückchen Natur unweit von Amsterdam. Im sogenannten Amsterdamer Wald organisiert das niederländische Sri Chinmoy Team jährlich einige Ultraläufe. Im Juni lief ich da in warmen Verhältnissen eine gute Zeit bei einem 50K Rennen. “Werde ich das auch heute schaffen? Oder werde ich wie vor drei Wochen bei der WM 100K in Winschoten einbrechen?” Diese Fragen gehen mir durch den Kopf vor dem Start vom Self Transcendence 6Stundenlauf. Dank der kühlen Nacht ist die Temperatur noch angenehm, aber es soll ein wolkenloser Tag werden. Zum Glück ist die Strecke ziemlich schattenreich (75% unter den Bäumen) und die Stücke in der Sonne sind immer eher kurz. Das gibt mir Vertrauen. Ich will meine Runden (1678m) in 7’30” laufen, damit ich etwa 80K schaffe. Der Streckenrekord steht bei 79K. Wenn ich am Ende also ein wenig langsamer werde, müsste es zum Streckenrekord noch reichen. Es sei denn, dass ich wie in Winschoten nach 50K einbreche. Es gibt aber einige wichtige Unterschiede: die Temperatur wird vermutlich 2 Grad niedriger sein, die Luftfeuchtigkeit ist weniger, es gibt mehr Schatten und keinen Wind. Mein Fuß (Bänderriss) hat 3 Wochen extra Zeit zur Heilung gehabt und … die sommerliche Wärme hält schon eine Woche an, also mein Körper hat sich schon ein wenig anpassen können.

Nach dem Startpfiff übernehme ich gleich die Führung. Zwei Runden später weiß ich, dass ich ein Stück schneller laufen kann als geplant: unter 7’15” die Runde statt 7’30”. Selbstmord? Vielleicht, aber wenn man eine Spitzenleistung erbringen will und man fühlt, dass es locker läuft, muss man etwas riskieren. Wenn’s dann nicht klappt, hat man’s wenigstens versucht.
Nach mehr als 4 Stunden drehe ich immer noch wie eine Schweizer Uhr meine Runden.Könnte es sein, dass ich endliche mal das “Perfekte Rennen” (für mich wäre das der doppelte Marathon in 6 Stunden) laufe? Nein, bei dieser Temperatur ist das unmöglich, aber ein Resultat über 83K ist durchaus möglich. Ich bin wie unermüdlich. Kurz danach wird der Traum wie eine Glaskugel von einem unvorsichtigen Hundebesitzer zerschmettert. Er schmeißt gerade vor meiner Passage einen Stock ins Wasser, dem drei Hunde hinterherstürmen. Die ersten zwei rasen an mir entlang, aber der dritte prallt voll auf mein linkes Bein. Weil der rechte Fuß noch nicht völlig ausgeheilt ist, knicke ich ihn um. Ich schreie auf wegen der Schmerzen. Weg ist der Traum vom perfekten Rennen. Ich heule vor Wut und Enttäuschung. Laufen geht nicht mehr. Ich drücke mit der Hand auf der Schmerzensstelle und versuche die Muskulatur zu lockern. Inzwischen fluche und brülle ich einige Male laut. Das Adrenalin, das dabei freigesetzt wird, lindert die Schmerzen und die Muskulatur lockert sich wieder ein wenig. Ich fange wieder langsam zu laufen an und entschließe mich zu versuchen extra Adrenalin freizusetzen. In den nächsten zehn Minuten laufe ich wie ein Verrückter durch den Park: ich rufe, brülle, beiße die Zähne zusammen, stöhne und versuche richtig böse zu werden. Was die anderen Leute im Park in dem Moment wohl über mich gedacht haben. Aber das ist mir Wurst. Ich will mein Rennen retten! Und es funktioniert. Die Schmerzen verschwinden allmählich und ich kann wieder richtig laufen. Zwar nicht mehr so schnell wie zuvor, aber immerhin. Die Stabilität des Fußes ist geringer und dadurch lassen die Kurven und einige ungerade Stellen sich schwieriger laufen. Ich kompensiere mit links, aber dadurch verkrampft in der letzten Stunde die Muskulatur links. Ich bekomme es aber schnell im Griff und weiter geht’s. 82K ist immer noch möglich. Wenn dann kurz vor der letzten halben Stunde wieder ein Hund auf mich springt, bekomme ich wegen der unerwarteten Ausweichbewegung erneut einen Krampf. Verdammt, wieder stehe ich still. Aber auch diesen Krampf bekomme ich im Griff und die letzten Runden kann ich sogar wieder etwas schneller laufen. Unter 7’15”!

Mein Endspurt sorgt für ein Endresultat von 81,791K. Den Streckenrekord habe ich um fast 3K verbessert und meinen persönlichen Rekord um 69m. Damit bin ich sehr zufrieden. Bei kälteren Temperaturen und ohne Hunde ist noch viel mehr drin. Wer weiß, vielleicht schaffe ich meine Traumdistanz in Zukunft doch noch.


Ich muss mich bei den Helfern, Zuschauern und Laufkollegen bedanken. Ohne deren Ermutigungen wäre meine Leistung wahrscheinlich nicht möglich gewesen.
Gert Mertens
 

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