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Nein, 100 Meilen laufe ich bestimmt nicht. 100 km sind weit genug, alles andere überlasse ich den echten und harten Ultraläufern. Für so ein Kurzstreckenrennerle wie mich ist das nichts.

Aufgrund der ausgeprägten Liebe zu meiner Heimat meldete ich mich dennoch 2010 für den KuSuH 100 Meilen Trail in Oberderdingen an, um mich dann im Sommer doch anders zu ent-scheiden und im Herbst statt 100 Meilen 42,2 km zu rennen. Beides schien mir wenig ratsam. Die 100 Meilen habe ich dennoch begleitet, denn Jochen lief und ich schaute zu. Hm. Irgend-wie ließ mich das nicht los. Ein 100 Meilenlauf auf unseren Trails, auf unseren Wegen, durch unseren Wald (und natürlich weit darüber hinaus, denn so weit kommen wir im Training dann doch nicht).

Als mich die Einladung für den 2. Kusuh erreichte, überließ ich eine Teilnahme dem Schicksal. Ich ließ mich auf die Warteliste setzen, um noch etwas länger Zeit zu haben, über meine Pla-nungen für den Herbst 2011 nachzudenken. Insgeheim hoffte ich, dass der Kelch an mir vorü-ber geht – oder doch nicht? Als im späten Frühjahr ein Platz frei wurde, war es mir lieber, einer anderen Wartelistenläuferin den Vortritt zu geben, noch einmal drückte ich mich vor der Ent-scheidung, wohl wissend, dass das nicht mehr lange möglich sein wird. Nach den 100 km von Theillay erreichte mich eine Email von Höfles, ich solle mir doch endlich einen Ruck geben. Also, ich rückte und stand auf der Startliste. Ich dachte mir, dieses Jahr ist eh alles anders als geplant, dann laufe ich nun auch noch 100 Meilen. Wann wenn nicht jetzt, auch wenn Jochen ernsthafte Bedenken äußerte und mir noch mal alle menschenmöglichen Probleme bei einem 100 Meilenlauf aufzählte.

Je näher der Tag kam, desto mehr freute ich mich auf den Lauf. Mein Gefühlszustand wech-selte zwischen Gelassenheit und Nervosität, wobei glaube ich, die Gelassenheit dominierte. Wir wollten zusammen laufen und hofften darauf, dass sich dies auch in die Realität umsetzen lässt, denn 100 Meilen sind lang. Das hatte ich schon vor dem Start verinnerlicht. Auch ohne die vielen guten Ratschläge aus meiner ultralaufenden Umgebung.

Morgens um 8 Uhr wurden wir in Oberderdingen auf die lange Reise geschickt. Mit der Strecke hatte ich mich ausgiebig beschäftigt, ich wusste also, was mich erwartet. Unzählige schöne Trails, Feld-, Wald- und Wiesenwege, steile Anstiege und ebensolche Abstiege. In der Summe mehr als 3.200 Höhenmeter. Dass Wolfgang Höfle dieses Jahr noch ein paar besondere Schmankerl wie vollkommen wegelose Anstiege, eine Bachdurchquerung, Abstiege durchs Dornengestrüpp oder üble Kartoffelacker eingebaut hatte, nur um 10 Meter Asphalt zu vermei-den, gefiel mir persönlich nicht, aber da musste ich nun durch. Er kann ja nichts dafür, dass hier unsere Vorstellungen vom Laufen sehr weit auseinander liegen. Er meidet Asphalt konse-quent und ich laufe gerne auf befestigtem Untergrund.

Ich lief von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation und machte mir keine Gedanken, wie weit der Weg jeweils noch ist. Im Großen und Ganzen genoss ich die Lauferei, von ein paar Problemchen mal abgesehen. Leider waren wir nach 12 Stunden noch nicht ganz so weit wie gedacht und mussten unsere Lampen früher herauskramen als gewünscht. Es war ein wenig zäh, bis wir Knittlingen erreichten – endlich über 100 km! Ich zog mich für die weitere Nacht etwas wärmer an und packte noch zusätzliche Ersatzbatterien ein. Dann liefen wir weiter durch die Dunkelheit. Mit der Markierung der Strecke hatte ich keine Probleme, allerdings war ich an jeder Ecke voll konzentriert und lief nie (nur ein Mal und das war dann auch gleich falsch) ohne eine Markierung zu sehen weiter. Meistens blieb ich stehen, suchte so lange die Markierung, bis ich mir ganz sicher war.

Wir kamen weiter sehr gut voran und ich war wirklich glücklich darüber, mich für den Kusuh entschieden zu haben. Bekanntlich soll man den Tag ja nie vor dem Abend loben bzw. 100 Meilen nicht vor dem Ziel. Etwa ab km 130 konnte ich nichts mehr essen! Mein Magen war wie zugeschnürt und mir war schlecht. Ich mag diese ganzen Sachen an den Verpflegungen (egal wie schön sie angerichtet sind) ja sowieso beim Laufen nicht, esse daher fast nur Gels, und auf die war bisher immer Verlass. Ok, 100 Meilen sind eben anders. Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann keine Gels mehr essen kann. Es kam wie es kommen musste, der Akku war leer, völlig leer. Mir war schlecht, ich lief Schlangenlinien und konnte kaum mehr die Beine heben. Ich dachte immer, „Nicole, Du musst essen, dann läuft es wieder“, aber der Gedanke ans Esssen verursachte nur einen Würgereiz. Ich verfiel in einen wunderbaren Martina Hausmann-Schritt und hatte dabei die Worte von Klaus im Ohr, dass ich mich immer weiter bewegen muss, egal wie langsam ich bin, egal wie sehr ich leide.

Irgendwann hatte Jochen genug von dem Geschlurfe und zwang mir ein Gel auf – es kostete Überwindung, aber es blieb in meinem Magen drin! Juhu! Und wenige Minuten später lief ich wieder. Oder was man nach 150 km eben noch so laufen nennen mag. Der Weg ins Ziel dau-erte dann auch nicht mehr so lange, nach 21 h 56 min waren wir da! Richtig freuen konnte ich mich erstmal nicht darüber, ich war einfach nur froh, dass ich nicht mehr weiterlaufen musste und dass ich endlich den ganzen Dreck von mir runterwaschen konnte. Mich überfiel eine blei-erne Müdigkeit, die ich bis dahin nicht gespürt hatte. Die volle Konzentration und das Ziel, 100 Meilen zu laufen, hatten mich abgelenkt. „Wolfgang, also das brauch ich kein zweites Mal“, was dieser schelmisch lachend zur Kenntnis nahm und meinte, dass er nichts anderes erwartet hätte. Mit ein wenig Abstand sieht die Sache ganz anders aus. Wiederholung nicht ausge-schlossen – wenn ich mir auf der Karte anschaue, wo wir überall herumgelaufen sind, bin ich unglaublich stolz und froh darüber, den Kusuh gefinisht zu haben. Mal abgesehen von den tollen Stimmungen und Erlebnissen auf der Strecke. Was wir in der Nacht im Wald alles gese-hen und gehört haben! Was diese possierliche Siebenschläferfamilie wohl über uns gedacht hat? Besser ich weiß es nicht. Sie würden jedenfalls bestimmt nicht freiwillig 100 Meilen laufen. Aber das habe ich ja auch einmal gesagt.
 

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