werbung-text MDW Banner2018 156x60  bottwartal2017

Trainingspläne und unsere Motivation zum Laufen einmal aus anderer Perspektive betrachtet. Von Ilona Schlegel.

Es gibt Themen, die kommen in allen Laufzeitschriften, Büchern, Foren bis in die Umkleidekabine immer wieder. Neben Ernährung ist Training der Dauerbrenner schlechthin. Vor Wettkämpfen wird gerne erzählt, wie wenig trainiert wurde. Ansonsten geht es um Trainingsmethoden, Trainingspläne, Trainingsumfänge, Wettkampfgestaltung, kurzum um die Antwort auf die sportliche Gretchenfrage „Nun sag, wie hältst Du’s mit dem Lauftraining?“. Bei allen Plänen, Theorien und der umfassenden Literatur liegt die Prämisse zugrunde, dass das Wettkampfergebnis aus der sportlichen Vorbereitung resultiert. Das tut es auch ganz sicher. Dieser Text soll auch nicht die Relevanz von Trainingsplänen abstreiten. Ich meine es mehr unter der Rubrik „quergedacht“ als Perspektivwechsel, den es sich vielleicht mal einzunehmen lohnt.

Das Einmaleins der Trainingslehre

 

Implizit steckt hinter allen Trainingsplänen, egal ob nach Greif oder wonach auch immer die Annahme: wenn ich Grundschnelligkeit x nehme, Trainingsumfang y hinzufüge mit Trainingsintensität (Tempoläufe) z exponiere, dann ergibt das über die Distanz n die Endzeit E +/– u. „u“ ist die Unbekannte, die sich aus Tagesform, äußeren Bedingungen und anderen individuellen Faktoren zusammensetzt. Sie erklärt die Abweichungen von dem Prinzip, ist aber schwer kalkulierbar. Auch wenn man sie „tapering“ nennt, ändert es nichts an dem unkalkulierbaren Störfaktor der Gleichung. Wir alle wissen, wie groß diese Unbekannte werden kann. Das gilt auch für den Spitzensport. Hier darf man von individuell angepassten Trainingsplänen, medizinischer Überwachung und zielgerechter Vorbereitung ausgehen. Trotzdem kommt es bei Meisterschaften national wie international immer wieder vor, dass Favoriten ausscheiden, Außenseiter sich dagegen zu ungeahnten Leistungen aufschwingen. Und gerade diese Überraschungen machen die Wettkämpfe ja auch so interessant. Dass alles ganz anders kommen kann (und zweitens als man denkt, Wilhelm Busch). So ist das Training zwar conditio sine qua non. Aber bei weitem nicht alles. Und welches Training bei wem am Tag x den größtmöglichen Erfolg bringt, bleibt graue Theorie. Man kann ja nicht in Parallelwelten verschiedene Trainingspläne erproben. Und selbst wenn das ginge, wäre das noch kein Beweis, dass es beim nächsten Mal auch klappt. Menschen verändern sich, was dieses Jahr klappt, kann im nächsten schief gehen. Das macht es lohnenswert, sich mit der Unbekannten zu beschäftigen, auch wenn die sicher nicht fassbar und multikausal zusammengesetzt ist. Lange Läufe brauchen Gedankenfutter, und deshalb habe ich mir beim Kölner 12-Stundenlauf damit die Zeit vertrieben. Ich verdanke die Anregung Georg Weiß, der im Zusammenhang mit dem UTMB die These aufstellte, der unbedingte Wille durchzuhalten und nicht aufzugeben wäre ein Impuls aus dem ÜBER-ICH. Wer um Freud lieber einen Bogen macht, sollte den folgenden Absatz überspringen.

Libidoökonomie statt Trainingsplan

Ich kam zu der Überzeugung, dass der unbeugbare Wille ebenso gut aus dem ES kommen kann. Schließlich kann er dazu führen, dass man auch über körperliche Grenzen geht und sich sogar schädigt. Gut, das ÜBER-ICH kann durchaus sadistisch sein, aber trotzdem passt es mindestens ebenso gut zum ES, der Drang zum Ankommen um jeden Preis gewissermaßen. Und wenn wir beim ES sind, sind wir beim Triebleben. Das legt die Frage nah, was uns zum Laufen treibt. Ich kenne nur eine Trieblehre, das ist die von Sigmund Freud, und die hat den Vorteil, dass sie sehr überschaubar ist, da sie nur zwei Triebe kennt (die Denkfähigkeit nimmt im Laufe der 12 Stunden schon ab, aber zwei Triebe, das krieg ich gerade noch hin). Laufen wir also aus dem Eros oder aus der Destructo? Dem Liebestrieb (im Freudschen, d. h. sehr umfassenden Sinne, also nicht nur der reine Sexualtrieb, sondern vom Genitalen abgelöst auch das soziale Verhalten, Freundschaften, alle Lustempfindungen vom Essen bis zu kulturellen Genüssen) oder dem Todestrieb (dem aggressiven Verhalten)? Eine schöne Frage für Ultras. In jedem Fall darf man wohl Sport (natürlich nicht nur Laufen), zu den Sublimierungen rechnen. D. h. die Triebenergie aus dem ES wird auf gesellschaftlich höherwertige Ziele umgelenkt. Das ist grundsätzlich erstrebenswert und Voraussetzung für die kulturelle Weiterentwicklung des Menschen. Sublimierung bleibt jedoch ein Abwehrmechanismus, d. h. die Ersatzbefriedigung dient dazu, das ursprüngliche Triebziel zu unterdrücken. Demnach heißt die Frage – überspitzt formuliert: Laufen wir, weil wir einen Mordimpuls unterdrücken oder sexuelle Begierden? Laufe ich, um meine Mitmenschen nicht zu ermorden oder um nicht in ganz anderer, unsittlicher Absicht über sie herzufallen? Ich weiß, es gibt schmeichelhaftere Theorien. Die hier ist aber schon spannend und würde ja so manches erklären. Natürlich ist die Herkunft aus den destruktiven Anteilen zunächst naheliegender. Sport wird nicht umsonst als Therapie eingesetzt, um Aggressionspotential zu binden (gerade Kampfsport). Der Gedanke gefällt mir aber nicht. Ich möchte nicht aus der Destructo laufen. Es fühlt sich auch nicht so an. Ich weiß, dass das kein Argument ist. Wenn es der Abwehr dient, dann ist ja genau das Ziel der psychischen Übung. Mir kommt folgender Gedanke: ist vielleicht beides möglich (dann natürlich auch Vermischungen)? Dann könnte man grundsätzlich zwei Arten von Läufern bzw. Sportlern unterscheiden. Beide nehmen die Energie aus den triebhaften Anteilen. Die einen laufen mit Aggressionspotential[1], die anderen aus der Libido (die Energie, die aus dem Eros strömt). Der Gedanke gefällt mir weitaus besser. Ich will ihn hier auch nur in den Raum stellen. Es ließe sich eine eigene Theorie entwickeln. Aber ich habe ja noch einige lange Läufe vor mir und bin immer froh, wenn ich etwas zum gedanklichen Weiterspinnen habe. Spannend wäre auch die Frage, welche Variante den größeren Erfolg bringt. Natürlich kann sich die persönliche Energiequelle je nach Energielage im Libido- und Aggressionshaushalt des ES auch ändern. Und man kann es auch weniger psychoanalytisch ausdrücken: jede/r weiß sicher für sich, welche Gefühlslagen die besten Laufergebnisse gebracht hat, was beflügelt und was lähmt. Auch das dürfte individuell sein.

Kontraindiziertes Training

Und noch ein ganz anderer Aspekt. Ich spiele gerne Squash (da ist die Herkunft aus den destruktiven Triebanteilen deutlich spürbar, scheint mir). Ich finde diesen Sport klasse. Er fördert die niedersten Instinkte. Eingesperrt auf engem Raum einem kleinen Ball hinterher jagen, den man gnadenlos schlagen kann. Hier werden nicht nur Weiber zu Hyänen. Aus allen Courts hört man laute Schreie und wüste Flüche. Nicht von Cholerikern, sondern von sonst ganz ausgeglichenen, höflichen Menschen. So herrlich ärgern kann man sich bei kaum einer anderen Gelegenheit, bzw. man kann es nicht so gut rauslassen. Was das mit Ultralaufen zu tun hat? Ganz einfach: es ist völlig gegensätzlich. Deshalb fragen mich auch viele, warum ich das mache. Ob das Verletzungsrisiko nicht zu groß ist. Ist es nicht. Durch das Ultralaufen habe ich die Sprintfähigkeit und Dynamik einer Weinbergschnecke. Ich komme gar nicht in den Bereich, meine Bewegungen sind nicht schnell genug, um wirklich eine Verletzung zu provozieren (jedenfalls könnte das ebenso gut auch beim Laufen passieren). Ich denke im Gegenteil, dass es sinnvoll ist, gerade wenn man eine Sportart so intensiv ausübt, auch mal etwas zu machen, was sich diametral verhält. Nicht nur physisch. Auch mental. Das merke ich ganz deutlich. Als 24-Stundenläuferin bilde ich mir ein, mentale Stärke zu haben. Aber Konzentrationsfähigkeit bei jedem Ballwechsel neu, das ist etwas ganz anderes. Das kennen wir beim Laufen nicht. Deshalb schaffe ich es eigentlich trotz ausreichender Kondition nie, 60 Minuten ein konstantes Niveau zu spielen (außer es ist konstant schlecht, dann geht das prima). Vermutlich gibt es das auch schon, aber ich beanspruche trotzdem zur Sicherheit den in der Überschrift genannten Fachterminus (ist er nicht schön? Ist mir auch in Köln eingefallen).

Damit aber auch genug zu meinen Gedanken auf der „Metalaufebene“. Mich wird weiterhin viel mehr die Unbekannte in der Trainingsgleichung faszinieren. Das ist Geschmackssache. Aber ganz ehrlich: wenn alle Trainingspläne aufgingen, das wäre schon ziemlich fade, dann bräuchten wir die Wettkämpfe ja gar nicht mehr. Eine Abgabe der attestieren Trainingswerte würde völlig reichen, um die Ergebnisliste zu erstellen.

Ilona Schlegel   (1/2006)


[1] Mal ganz ehrlich: wenn man in einige verbissene Gesichter selbst beim Training sieht, dann sieht das nicht so aus, als wäre das Laufen das mit unbändiger Freude betriebene Hobby. So abwegig kann die These gar nicht sein.

  • Keine Kommentare gefunden
Kommentar hinzufügen
mitglied werden
duv statistik
duv forum

Das aktuelle Foto

 50 km k

Ihr seid jede Woche irgendwo laufend unteerwegs - los, her mit euren Fotos, lasst andere eure Erlebnisse mit erleben!

Hast du ein Bild / Bilder, das / die hier oder in der (in Arbeit befindlichen) Galerie erscheinen sollen? Dann bitte per Email an aldo.bergmann@d-u-v.org

Die jüngsten Kommentare

Gast - Ingo Schulze
Ich wünsche der neuen Führung eine glückliche Hand bei ihrer Präsidiumsarbeit. Sie treten, das sei e...
Gast - carsten mattejiet
Unvergessen die zeit die ich mit fiese in den Kasseler bergen 1995 verbringen konnte. 10 Marathons i...
Gast - Maximilian
Super Veranstaltung. Gratuliere nachträglich nochmal allen Teilnehmern. Unglaublich was diese Athlet...
Mitglied werden
Kontaktformular