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Während ich nach einigen Tagen nun endlich die Muße finde meinen Koffer auszupacken, kommt mir Stück für Stück wieder die Ansammlung wunderbarer Erlebnisse und Erinnerungen in den Sinn, begleitet von einigen Tränen, die das Ereignis „Spartathlon 2011“ für mich geprägt haben.

Dieses Jahr wollte ich zwei Tage früher als gewohnt anreisen, um mir die Athener Innenstadt mit der Akropolis anzusehen. Meine Reise war vom 26.09. bis zum 04.10. 2011 geplant. Leider kamen mir in diesem Zeitraum die Streiks aufgrund der Sparmaßnahmen in Griechenland dazwischen. Es fuhren am Montag, dem Ankunftstag, glücklicherweise mit zwei Stunden Verspätung doch noch Busse. So wie ich von anderen Läufern gehört habe, die innerhalb der nächsten zwei Tage angereist sind, fuhren Busse und Bahnen gar nicht mehr. Nur noch Taxen, die Preise von über 200 Euro für eine Fahrt die regulär 40 Euro kostet, verlangt haben sollen.

So habe ich mich auf Hotel und Strand beschränken müssen. Und das obligatorische Eis von der Tankstelle nebenan. Ich habe mich ins Hotel „London“ eingebucht, dass immer das Athletenhotel für die Spartathleten ist. 

Am Dienstag habe ich mich dann mit Patrick Hösl getroffen, mit dem ich letztes Jahr zusammen ins Ziel gelaufen bin. Wir haben unser Treffen einige Tage vorher schon telefonisch abgesprochen. Am späten Nachmittag wurde noch ein kleiner Lauf gemacht und abends haben wir in seinem etwas abseits gelegenen Hotel-Apartment zum Essen zusammen gesessen.

Unsere Zielsetzung für den Lauf war ziemlich ähnlich, eine 26-Std.-Endzeit, bei idealem Rennverlauf eine 25-Std.-Endzeit. Die Wettervorhersage hat uns da auch keinen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wir sind zwei etwas unterschiedliche Lauftypen. Da ich eine deutlich bessere 100km-Bestzeit habe als er, könnte ich theoretisch vom Potential her wahrscheinlich besser abschneiden als Patrick. Aber er nutzt durch überlegtes, spezifisches Training und eine gute Rennplanung seine Fähigkeiten nahezu optimal aus.

Am Mittwoch haben wir noch Michael Vanicek getroffen, auch ein Berliner wie Patrick Hösl. Ein ebenfalls sehr sympathischer und überaus guter Ultraläufer, dessen Ziele es sind, einmal beim Spartathlon aufs Treppchen zu laufen und Deutscher Meister im 24-Std.-Lauf zu werden. Vorwegnehmen kann ich, dass er sein erstes Ziel dieses Jahr erreichen wird. Beim Meistertitel versuche ich ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen. Zusammen haben wir beschlossen ein Zimmer im Palmyra Beach Hotel zu beziehen, in dem alle deutschen Teilnehmer dieses Jahr untergebracht waren. In den kommenden Tagen haben wir drei häufig Zeit gemeinsam verbracht.

Das Gute für mich war, dass die beiden jeweils für sich schon Unterkünfte woanders gebucht haben und ich so das Zimmer für mich allein hatte. Oft wird man nämlich mit irgendwelchen Laufteilnehmern in ein Zimmer gesteckt ohne Einfluß darauf zu haben.

Ein wunderbare Eisdiele in Glyfada mit 40 verschiedenen Sorten war in den Griechenland-Tagen ein sehr beliebtes Ziel von uns. Der Pistaziengeschmack hat sich als unser Favorit herausgestellt. Dazu bedient von einer attraktiven, jungen Angestellte (die auch noch Pole-Dancerin (=Tanzen an einer Stange)ist), die bei uns die Frage nach der Echtheit einiger Körperteile aufgeworfen hat. Wir haben diese Frage nicht weiter erörtert, waren aber doch noch häufiger dort, zum Eisessen.

Für den Lauf hatte ich eine gute Vorbereitung ohne Probleme. Mein Defizit, wie bei jedem Start bisher, ist und bleibt das fehlende Berglaufen, das ohne großen Aufwand für mich in Norddeutschland schwierig zu bewerkstelligen ist. Also war ich gespannt was die Deichauf- und –abläufe mir letztlich gebracht haben. Der Start des Laufes war dieses Jahr am Freitag, den 30.09. um 7 Uhr an der Akropolis und das Ziel, die Leonidas-Statue in Sparta, die man bis zum 01.10. um spätestens 19 Uhr erreicht haben muss. Also 36 Stunden Zeit für 246km und ca. 3000 Höhenmeter. Dazwischen 74 Versorgungsstellen (CP = Checkpoints genannt)
mit vielen schönen Sachen zum Essen und Trinken.

Die Vielfalt der Gerüche und der Verkehr im ersten Drittel des Laufes sind das Prägendste: Abgase, Petrochemie, Abfall, Stadtverkehr, alles etwas hektisch und unruhig. Mir gefällt der Lauf erst sobald man die Attika verlässt. Einzige Ausnahmen sind die tolle alte Küstenstrasse Richtung Korinth und die begeisterten Kinder, an zwei bis drei Stellen der Strecke, die abgeklatscht werden wollen.

Ab hier, am Peleponnes, beginnt dann das Gegenteil, was ich so an dem Lauf liebe. Ruhe! Fürs Auge überragende, wunderschöne Landschaften, hügelig und karg durch die Hitze des Sommers. Nach 81 km war ich dieses mal schon nach 7:18 Std. ca. 7 min schneller als letztes Jahr. Aber ich hatte nicht das Gefühl überzogen zu haben, da das Wetter ziemlich gut zu uns Läufern war. Die zeigt sich auch in der Finisher-Quote von 50 % !!

Ich habe mich schon seit Wochen unter anderem auf einige bestimmte Stationen gefreut. Maladreni nach 140km. Da ist das halbe Dorf auf den Beinen und wartet in einer Taverne auf die Läufer. Das Bergdorf Kaparelli nach ca. 155km mit der grandiosen selbstgemachten Suppe. Das Sangas Dorf gleich hinter dem 1200m hohen Gebirgspass Sangas-Pass. Es mag nicht sehr hoch sein, aber mitten in der Nacht und nach über 160km in den Beinen, war ich sehr froh hier sein zu dürfen. Das Laufen im Dunkeln ist noch ein weiterer Höhepunkt auf den ich mich sehr gefreut habe. Immer wenn der Bodenbelag es zugelassen hat, habe ich meine Stirnlampe ausgemacht und die welligen, kurvigen Straßen und Hügelsilhouetten genossen. Man sieht dann irgendwann kleine „Oasen in der Dunkelheit“, Lichtpunkte die immer näher kommen, an denen man etwas zu Essen und Trinken und ein paar nette Worte bekommt. Da ich ein mieser und ängstlicher Bergabläufer bin, wurde ich auf dieser Passage vom Sangas herunter, auf Platz 6 liegend, von drei Läufern überholt. Unten habe ich mich auf eine Massage und ein paar nette Worte von der lieben Frau, ich glaube sie ist Engländerin, die dort bisher immer war, gefreut. Letztes Jahr hat sie mir das Kompliment gemacht, dass ich aussehe wie 12 Jahre. Nachdem ich ihr das erzählt habe, sagte sie doch glatt gesagt, dass ich nun aussehe wie 13.

Im Rennen hatte ich nie das Gefühl aufgeben zu müssen. Absolut keine Probleme körperlicher oder psychischer Art haben mich heimgesucht. Nur eine fortschreitende Erschöpfung, die nicht außergewöhnlich ist. Aber einen gravierenden Fehler bei meiner Versorgung habe ich dennoch gemacht: mein mir an jeder vierten Versorgungsstelle hinterlegtes Getränkepulver, sowie die Riegel (ca. alle 14 km) habe ich nicht mehr genommen. Ich habe sie einfach nicht mehr gemocht bzw. nicht mehr runter bekommen. Die Folge zeigte sich in einer langsam nach unter gehenden Leistungskurve. Es wird bei mir nach dem Rennen die Suche nach einem guten Ersatz folgen.
Dieses Jahr bin ich nur wenig mit anderen Läufern zusammen gelaufen. Ich glaube nur wenige Kilometer zusammen mit Michael Vanicek etwa in der Rennmitte. Exakt wie im letzten Jahr wurde ich bei Kilometer 193 von einem anderen Läufer überholt. Wieder ein Deutscher, wieder Berliner, diesmal Stefan Thoms. Mit ihm zusammen und Dank der Hilfe seiner beiden Betreuerinnen die mir etwas zu trinken gegeben haben, was mir endlich etwas gebracht hat (Maltodextrin mit Salz und Ingwer – Super!!), sind wir die letzten 53km bis zum Ziel gelaufen. Zwischendurch haben wir bei ca. km 205 Dietmar Goebel und etwas später noch Markus Thalmann aufgegabelt. Dietmar, der einen Superlauf hatte, ist am Ende ca. 5 Minuten nach uns dreien ins Ziel gekommen. Wir drei sind mit eine Zeit von 27:40:30 auf einem geteilten 8. Rang ins Ziel gelaufen. Den Zieleinlauf habe ich im Vergleich zum letzten Jahr für mich bis zum Schluss mit wenig Emotionen erlebt, da ich etwas erschöpft und mit höherer Erwartung in den Lauf gestartet bin als am Ende dabei herauskam. Als dann aber an der Leonidas-Statue diese große Menge an jubelnden Personen stand, die auf alle Läufer mit großem Applaus wartete, kam dann doch die Freude und paar Tränen.

Durch meine Fehler beim Lauf und bei der Planung war ich leider dazu gezwungen, mich ins Erste-Hilfe-Zelt zu begeben und dort erst einmal zwei 0,5 Liter-Packs Ringer-Lösung in meine Vene spülen zu lassen, weil mein Kreislauf nur noch einen gemessenen Systolenwert von 80 aufwies. In dieses Zelt wird man zur Fußdesinfektion sowieso immer reingezerrt. Da gab es dieses Jahr ein Spray auf die Füße. Die Schuhe, Strümpfe und Hose werden in eine Tüte gepackt. Diese Tüte habe ich nun zu hause (ohne Inhalt), sie erinnert mich geruchsmäßig an dieses Zelt und damit verbundene Erinnerungen, was wirklich einmalig ist! Etwas vor Schmerz in den Oberschenkeln jammernd habe ich mir eine leichte Massage doch nicht nehmen lassen.

Noch ein anschließendes Baguette, eine Sandwich, eine Dose Cola, ein halber Liter Wasser 1,5 Std. Ruhe und ein halbes Dutzend hübscher, junger, sorgender Helferinnen haben mich soweit wieder fit gemacht, dass ich dann bei wunderbarem Sonnenschein meine Position vom Liegen im immer wärmer werdendem Zeltinneren auf einen Stuhl vor dem Zelt verlagern konnte. Dort saß ich unten herum nur mit Unterhose und Decke umhüllt. bestimmt eine Stunde und habe noch etwas vom Zieleinlauf einiger Athleten mitbekommen.

Dort kam nach einiger Zeit eine junge Frau mit ihrer Tochter, die ich auf etwa vier Jahre schätze, geradewegs auf mich zu. Es gab auch niemanden um mich herum dessen Ziel die beiden noch hätten ansteuern können. So war ich doch sehr gespannt was mir nun blühen würde. Die Mutter der jungen Dame sollte mich in ihrem Namen fragen, ob sie mir nicht einen Kuss geben darf. Was sollte ich darauf schon antworten? Nachdem sie mich auf die rechte Wange geküsst hat, hat sie sich sofort etwas verlegen abgewendet und wollte mir fast gar nicht mehr in die Augen sehen. Aber ich musste wenigstens die Mutter noch fragen wie die fremde Küsserin heißt, bevor ich sie wahrscheinlich nie wieder sehe: ihr Name ist Maria. Die war auf jeden Fall eines meiner schönsten Erlebnisse bei meinen bisherigen drei Spartathlons.

Allen Teilnehmern am Spartathlon 2011, ob sie nun das Ziel erreicht haben oder nicht, möchte ich noch mal meinen Respekt darüber ausdrücken, hier angetreten zu sein. Es bleibt ein physisch wie psychisch sehr fordernder Lauf den man nicht „mal so eben nebenbei läuft“.
Belohnt wird man mit vielen Eindrücken und sehr schönen Erlebnissen, die man garantiert nicht vergisst.

Ein besonderer Dank geht noch an Marika, Bruno und Michael, die mich im Erste Hilfe-Zelt besucht haben und mir ins Hotel geholfen haben.
Die Siegerehrung am Samstagabend in Sparta war leider etwas zu langatmig für die müden Läufer geraten. Viel landestypische Musik bei der die Läufer leider etwas in den Hintergrund geraten sind. So sind viele Athleten leider, aber verständlicherweise, schon vorher gegangen.

Eine weitere Besonderheit für mich ist die sonntägliche Busfahrt nach Athen, nach einem Zwischenstopp zum Mittag mit dem Spartaner Bürgermeister. Es ist immer wieder erstaunlich welch eine Strecke wir zurückgelegt haben, was einem auf dieser langen 3,5-stündigen Busfahrt noch einmal vor Augen geführt wird.

Dafür war die Siegerzeremonie am Montagabend in einem Veranstaltungssaal in Glyfada sehr schön. Jeder der das Ziel erreicht hat wird einzeln auf die Bühne gebeten und mit Medaille, Urkunde und Fotos von der Zielankunft in Sparta bedacht Dabei gab es viel zu essen und zu trinken. Ein Teil der deutschen Läufer hat hier am längsten ausgehalten.

Am Dienstag gab es noch ein Abschluß-Eis für Michael Vanicek und mich in der legendären Eisdiele inklusive Umarmung und Küsschen von der netten Angestellten. Als Erinnerung habe ich einen Kunstoffbecher der Eisdiele behalten. Der kommt wieder in einen neuen kleinen Schaukasten samt besonderer Gegenstände rund um den Spartathlon 2011 in meinem Arbeitszimmer an die Wand.

Ich bin sehr dankbar, dass ich hier wieder teilnehmen durfte und konnte. Dieser Lauf hat mittlerweile eine große Anziehungskraft auf mich, die nur durch wenige andere Laufereignisse abgelenkt werden kann. Die ganzen wunderbaren und netten Helfer allein machen es schon wert hier hoffentlich bald wieder dabei zu sein.

Noch etwas Statistik:
Von 285 Startern haben 143 das Ziel erreicht, was einer sehr guten Finisher-Quote von knapp über 50% entspricht. Die Deutschen liegen da voll im Schnitt. Von 35 Startern haben 18 den Lauf geschafft.
Sieger bei den Männer:
1. Ivan Cudin, Italien (wie im Vorjahr) in 22:57:40 Std.
2. Yuji Sakai, Japan in 24:22:24 Std.
3. Michael Vanicek, Deutschland in 24:55:59 Std.
Siegerinnen bei den Frauen:
1. Szilvia Lubics, Ungarn in 29:07:45 Std.
2. Ruth Podgornik Res, Slowenien in 32:17:19 Std.
3. Mimi Anderson, Großbritannien in 32:33:23 Std 

 

Oliver Leu, Oktober 2011
 

Für weitere Fragen stehe ich Euch jederzeit gerne zur Verfügung.
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Email: ralf.simon@d-u-v.org
Tel.: ++49(0)176-47586105

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