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mehr-als-marathonBuchbesprechung
„Mehr als Marathon“
von Werner Sonntag
ISBN 978-3-941297-28-9

Der Autor Werner Sonntag ist eines der Gründungsmitglieder der DUV. Ich bin daher als aktueller DUV-Vizepräsident mindestens doppelt befangen: Werner Sonntags zweibändiges Werk „Mehr als Marathon“ aus 1985/86 war für mich damals, weit vor dem grossen Internet-Boom, die einzig verlässliche Orientierung zur Vorbereitung auf meine ersten 100km-Läufe, und in dem neuen Buch erwähnt er die DUV mehrfach (positiv) und zitiert u.a. auch aus unserer Mitgliederzeitschrift UM und unserer Homepage als vertrauenswürdige Quellen.

 > LESEPROBE < 

Natürlich hab ich gleich mal Werners Behauptung überprüft, dass das neue Buch, obwohl mit identischem Titel wie die beiden Bände aus den achtziger Jahren ausgestattet, einen „fast gänzlich neuen Text“ hat. Es ist schon so, dass einige Kapitelüberschriften („Was ist Ultramarathon?“, „Weshalb Ultramarathon?“, „Weshalb ist es schwerer 100km statt Marathon zulaufen?“, „Weshalb ist es leichter, 100km statt Marathon zu laufen?“ sowie „Technik und Taktik“) gleich gebliebeb sind und auch passagenweise Textblöcke von damals enthalten, aber ich schliesse mich dem Autor an: es ist ein völlig neues Buch, Werners zusätzliche Erfahrungen und die Entwicklung unserer Laufdisziplin in den letzten 25, 30 Jahre sind hier eingeflossen. Und während der Autor vor knapp 30 Jahren ein „Handbuch für Langläufer“ (damaliger Untertitel) mit sauber recherchierten Informationen herausbringen wollte, das genau diese Infolücke schliessen sollte (Werners Klassiker „Irgendwann musst Du nach Biel“ wurde oft zweckentfremdet als Handbuch verwendet, wo Werner doch nur einen literarischen Versuchmit atmospärischen Schilderungen zur Bewältigung der 100km-Strecke auf’s Papier bringen wollte), geht es im neuen Buch um „Mehr als Marathon“, nämlich um „Wege zum Ultralauf“.

Dieser Untertitel des neuen Werks deutet bereits an, dass der Autor im Gegensatz zu allen in der jüngeren Vergangenheit erschienenen Laufbüchern inkl. Ultralauf-Handbüchern nicht nur über die Marathon-Distanz, sondern auch über das Laufen an sich hinausgeht. Während Werners Kollegen sich praktisch ausschliesslich ums „Wie“ (trainiere ich, verhalte ich mich vor/während/nach dem Wettkampf, verpflege ich mich etc.) kümmern, geht es bei „Mehr als Marathon“ auch sehr ums „Warum“. Und obwohl der Autor ausdrücklich kein Trainingshandbuch vorlegen wollte, ist z.B. sein 11. Kapitel „Empirische Aspekte einer Psychologie für Ultralangläufer“ wesentlicher ausführlicher und praxisnäher in Sachen mentaler Vorbereitung als die meisten selbsternannten Trainingshandbücher. Werner unterscheidet hier schon mal grundsätzlich zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation, ein hervorragendes Beispiel dafür, wie durchdacht und intellektuell geordnet der Autor auch bei anderen Unterthemen vorgeht. Werners grosse Leidenschaft, die vollwertige Ernährung, wird ähnlich strukturiert argumentativ untermauert und mündet im 12. Kapitel in einer völligen Ablehnung von Gels und Sportdrinks als Nahrungsergänzung – damit verzichtet Werner bewusst auf entsprechende Sponsorbeiträge….

Was bei „Mehr als Marathon“ auch sehr konsequent durchgezogen ist: der Autor versucht überall, die wirklich Ultra-spezifischen Aspekte herauszuarbeiten. Während fast alle Laufbücher der jüngeren Vergangenheit ein Kapitelchenüber’s Ultralaufen enthalten, kommen sie fast nie über eine oberflächliche Schilderung hinaus. Auch hier ist Werner den meisten Autoren-Kollegen voraus, indem er sich nicht mit Marathon-Weisheiten aufhält, sondern immer das Besondere des Ultras sucht und sehr oft auch findet und trefflich beschreibt. Das Besondere des Ultras fängt aber lt. Werner erst deutlich jenseits der 50km-Einstiegsdistanz an – ganz meine Meinung…

Im Gegensatz zum Autor, der sein neues Buch vor allem für Ultra-Neulinge, die nach ein paar Marathons mal eine neue Herausforderung suchen, gedacht hat, glaube ich, dass auch gestandene Ultras von der Lektüre von „Mehr als Marathon“ profitieren werden – vielleicht nicht unbedingt mit besseren läuferischen Leistungen, aber mit besserem Verständnis davon, was und warum sie das da alles so machen. Es ist definitiv kein Buch für Eliteläufer, die nach weiteren Trainingsvarianten zur weiteren Leistungsoptimierung suchen. Aber der Autor baut immer wieder Leistungen und Verhaltensweisen von Ultra-Eliteläufern ein, um seine Hypothesen und Meinungen zu untermauern, wie z.B. Scott Jurek als dominierenden Ultraläufer des letzten Jahrzehnts zum Thema Ernährung.

Ein sehr ausführliches Kapitel widmet der Autor der Geschichte des Ultralaufens – das ist im deutschsprachigen Raum wirklich die kompletteste Darstellung, die ich kenne. Hier schweift Werner kurz ab in die Historie der Volkslauf-Bewegung und die Entwicklung der City-Marathons, also nicht ultra-spezifische Themen, aber mit dem grossen Plus, dass der Autor das alles von Anfang an miterlebt und mitdurchdacht hat. Und dieser Schwenk in Nicht-Ultralauf-Geschichte wird ganz elegant als Basis für die jüngere Ultra-Historie genutzt: Comrades, Biel, 100km-Läufe auf 10km-Runden, Rennsteig, Swiss Alpine etc. werden nochmals in ihrer Entwicklung aufgerollt.

Fast alle Kapitel enden mit einem „Merkzettel“, wo stichwortartig die wichtigsten oder zumindest überraschenden/besonderen Punkte aufgezählt werden. Das ist eine gute Orientierung zum Querlesen (für Rezensenten oder wenn man bestimmte Dinge noch einmal nachlesen möchte). Leicht enttäuschend der Merkzettel zum 19. Kapitel, das eine sehr schöne Beschreibung von aktuellen Ultraläufen für Ultra-Neulinge enthält: hier hat Werner einfach Ultra-Beginner Tipps einer englischsprachigen Internetseite übersetzt. Aber diese Bequemlichkeit kann ich dem Autor leicht verzeihen, nicht wegen meiner doppelten Befangenheit, sondern weil ich das neue „Mehr als Marathon“ als absolute Bereicherung der Ultralauf-Literatur sehe: hervorragend recherchiert und gedanklich wie sprachlich sich wohltuend von einigen Schnellschüssen der jüngeren Vergangenheit absetzend. Werners Beharren auf der alten Rechtschreibung ist da ein sympathischer Seitenhieb. Kein Muss, aber ein reichhaltiges Kann für jeden deutschsprachigen Ultra!

Norbert Madry

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